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Heute ist Internationaler Mädchentag!

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Gleichberechtigung der Geschlechter, so lautet das fünfte Entwicklungsziel der Uno – ein Ziel, das noch lange nicht erreicht ist. Um ihm näherzukommen, hat die Organisation am 11. Oktober 2012 den Internationalen Mädchentag ausgerufen. Dieser soll auf die Benachteiligung von Mädchen aufmerksam machen und über sexualisierte Gewalt aufklären. Stimmt!-Schreiberin Antonia Kilburg hat sich mit der Sozialpädagogin Andrea Specht von der Pro-Familia-Beratungsstelle über den Ist-Zustand in Heilbronn unterhalten.

Sind Mädchen und Jungen in Deutschland gleichberechtigt?

Andrea Specht: Es ist es immer noch so, dass Mädchen beruflich eher in die soziale oder pflegende Richtung gehen und dadurch weniger als Jungs verdienen. Teilweise bekommen Frauen für die gleiche Arbeit 20 Prozent weniger Gehalt als Männer. Ich habe das Gefühl, dass es seit ein paar Jahren einen sogenannten Rollback gibt. Die Gesellschaft macht aus Mädchen eher etwas Zartes und aus Jungs etwas Starkes – die klassischen Rollenbilder werden eher verstärkt. Es ist gar nicht so selten, dass junge Frauen bei uns im Gespräch sagen, dass sie erstmal zu Hause bleiben und Kinder bekommen wollen, ohne dass ihr Partner sich daran gleichberechtigt beteiligen soll.

Sehen die Mädchen sich als gleichberechtigt an?

Specht: Ja, sie empfinden es häufig so. Aber nehmen wir einmal an, ein Mädchen hatte schon viele
feste Freunde oder hat schon viele sexuelle Erfahrungen gemacht, dann ist es doch noch immer so, dass dieses Mädchen bei anderen Jugendlichen einen eher schlechten Ruf hat. Wenn aber ein Junge schon viele Freundinnen hatte, dann wird das eher als etwas Tolles wahrgenommen. Die exakt gleiche Sache wird also oft ganz unterschiedlich bewertet.

Seit 2016 steht im deutschen Sexualstrafrecht "Nein heißt Nein". Was bedeutet das?

Specht: Für die Strafbarkeit eines Übergriffes reicht es jetzt aus, dass die Betroffene oder der Betroffene Nein sagt. Früher musste man beweisen, wie man sich gewehrt hat, dass man zum Beispiel geschrien hat oder, dass es Abwehrspuren gab. Das hat sich auf die Glaubwürdigkeit und auch das Strafmaß ausgewirkt. Deshalb denken viele Jugendliche völlig berechtigt, dass sie es sowieso nicht beweisen könnten, wenn etwas passiert wäre. Wir können ihnen jetzt in der Beratung sagen, dass es ausreicht, Nein zu sagen. Gleichzeitig vermitteln wir ihnen, wenn jemand Nein zu ihnen sagt, und sie sich nicht an diese Grenze halten, dann machen sie sich dadurch strafbar.

Wenn man die Zahlen von Fällen sexueller Gewalt betrachtet, kann man von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgehen. Woran liegt es, dass sexueller Missbrauch oft nicht angezeigt wird?

Specht: Dafür gibt es vielfältige Gründe. Oft fühlen sich die Betroffenen stark verunsichert oder schämen sich. Manchmal wissen sie auch nicht, an wen man sich wenden kann, um Hilfe zu bekommen. Für Kinder und Jugendliche ist es besonders schwer, da sie sich oft in einem Vertrauensverhältnis zu dem Täter oder der Täterin befinden. Gerade deshalb ist es so wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten.

Kann es sein, dass Mädchen erstmal verunsichert sind und vielleicht sogar die Schuld bei sich suchen?

Specht: Ja, das ist sicher beides der Fall. Wenn die Mädchen zu uns in die Beratungsstelle kommen, gibt es immer auch einen Anteil derer, die sich schuldig fühlen oder schämen. Viele haben die Idee, dass sie es hätten verhindern können, wenn sie sich anders verhalten hätten. In der Beratung versuche ich deutlich zu machen, dass es eine Grenze gibt, die eigentlich jeder kennt. Egal wie man sich verhält, darf niemand diese Grenze des Anderen überschreiten. Wenn eine Person es trotzdem tut, trägt sie dafür die Verantwortung. Nicht umgekehrt.

Hat sich die sexuelle Gewalt durchs Internet verändert?

Specht: Sehr, aber nicht nur zum Schlechten. Es gibt durchaus gute Portale auf seriösen Seiten, die sachlich richtig informieren. Pro Familia hat zum Beispiel Sextra, eine Online-Beratung. Negativ ist beispielsweise, dass das Web viele Informationen ungefiltert als Bildmaterial zur Verfügung stellt. Am Beispiel von Pornografie machen wir jedoch auch die Erfahrung, dass Jugendliche meistens gut unterscheiden können, was künstlich ist und nicht der Realität entspricht, und was man tatsächlich selbst ausprobiert und normal ist. Dennoch muss man das unbedingt begleiten und regulieren.

Sind junge Frauen heutzutage stärker als früher?

Specht: Wenn ich an meine Mutter oder an meine Oma denke, dann ist das auf jeden Fall so. Es gab kein Frauenwahlrecht, man durfte den Beruf nicht frei wählen und auch Vergewaltigung in der Ehe war in Deutschland lange kein Straftatbestand. Das hat sich zum Glück alles verändert. Deshalb sind Mädchen und Frauen heute ganz bestimmt selbstbewusster. Aus meiner Sicht sind Frauen viel stärker als sie oftmals denken. Sie schmücken sich nur nicht so damit wie Männer das häufig tun. Heute sind zahlreiche Rechte normal und vielen Frauen ist nicht mehr bewusst, dass sie in den 70er Jahren schwierig zu erreichen waren und erkämpft werden mussten. Vielleicht geht damit auch das Engagement ein Stück weit zurück. Jugendliche haben oft das Gefühl, gleichberechtigt zu sein. Ich finde jedoch nicht, dass wir wirklich eine Gleichberechtigung haben.

Zur Person:

Andrea Specht ist Diplom-Sozialpädagogin und Familientherapeutin. Gemeinsam mit Sabine Hönnige hat sie im November 2015 die Leitung und Geschäftsführung der Beratungsstelle Pro Familia in Heilbronn übernommen.

Warum kommen Jugendliche zur Beratungsstelle Pro Familia?

Viele Jugendliche kommen mit ihrer Schulklasse zu Pro Familia. Die Lehrer organisieren den Besuch. Die Teilnahme an diesen Gruppen ist freiwillig. Dadurch entsteht ein erster Kontakt zur Beratungsstelle und die Jugendlichen können sich bei Bedarf persönlich an Pro Familia wenden. Außerdem kann man sich bei Fragen rund um das Thema Schwangerschaft und Verhütungsmethoden an Pro Familia wenden.

An wen kann ich mich bei sexuellen Übergriffen wenden?

Vielen Jugendlichen hilft es über sexuelle Gewalterfahrungen zu sprechen. Das kann zum Beispiel eine Freundin sein, die Schulsozialarbeiterin oder die Eltern. Darüber hinaus gibt es drei Fachberatungsstellen in Heilbronn, in denen man sich kostenfrei und, wenn man möchte, anonym beraten lassen kann.

Pfiffigunde

Fachberatungsstelle der Stadt Heilbronn bei sexuellem Missbrauch von Kindern
Dammstraße 15, 74076 Heilbronn, Telefon: 07131 1666178

Jumäx

Fachberatungsstelle am Landratsamt zum Thema Sexualität und sexuelle Übergriffe
Lerchenstraße 40, 74072 Heilbronn, Telefon: 07131 994338


Pro Familia

Notrufberatungsstelle bei sexueller und häuslicher Gewalt
Moltkestaße 56, 74076 Heilbronn, Telefon: 07131 93009

Außerdem gibt es das "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch". Hier wird man von psychologisch und pädagogisch ausgebildeten Fachkräften kostenfrei beraten und unterstützt. Die Telefonnummer lautet 0800 22 55 530

 

 

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