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Im falschen Körper gefangen

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Als er 13 Jahre alt war haben Mitschüler im Bus sein Deo aus seinem Rucksack genommen. Es herumgeworfen. Es war ein Axe Black, ein Männerdeodorant. "Schaut mal, das Mädchen sprüht sich mit Männerdeo ein", haben die anderen Kinder durch den Bus gerufen. 

Falscher Körper

"Damals war das sehr hart. Ich wusste selbst gar nicht, was mit mir los ist, und was die überhaupt für ein Problem haben", sagt Jan Stecyk, der im Moment noch Jana Stecyk heißt. Zumindest in seinem Ausweis. Sein Umfeld nennt ihn schon jetzt Jan. Der 19-Jährige ist transsexuell und hat Ende Juli damit begonnen, Hormone zu nehmen, die eine Geschlechtsumwandlung einleiten. Der Haarwuchs wird dadurch stärker, die Stimme tiefer, der Muskelaufbau etwas massiver und die Schultern breiter. Als Nebenwirkung können Gereiztheit und Aggressivität auftreten. Aber das nimmt er in Kauf. Er nimmt vieles in Kauf, um sich endlich wohl in seinem Körper zu fühlen. "Und meine Therapeutin hat gesagt, man kann das mit Medikamenten regulieren."

Bis Stecyk herausgefunden hat, was bei ihm anders war als bei anderen, war es ein langer und harter Weg. "Zeitungsartikel, Dokumentationen und Gespräche mit meiner Oma haben mir geholfen." Zu verstehen, was mit ihm los war, war für Stecyk eine große Erleichterung. "Ab diesem Zeitpunkt konnte ich es dann auch den anderen erklären: Ich bin nicht verrückt oder sowas, ich bin einfach nur transsexuell." Trotzdem reagierten viele mit Unverständnis. "Da kam dann immer noch: Das ist eine Krankheit. Geh mal zum Psychologen oder in die Psychatrie."

Von Kind auf

Seit er denken kann, fühlt er sich falsch in dem Körper einer Frau. "Schon als Kind wollte ich Hot Wheels und Autoteppich haben." Barbies und Puppen hat er abgelehnt. Überhaupt hat er alles abgelehnt, was weiblich an ihm ist. Das ging so weit, dass er sogar seine Handschrift verändert hat. "In der Schule haben immer alle gesagt, dass ich so eine schöne Mädchenschrift habe. Das hab ich dann sofort geändert.“ Und zwar so, dass er einmal sogar eine sechs für eine Klassenarbeit bekommen hat, weil der Lehrer nicht lesen konnte, was Stecyk geschrieben hat.

"Es hat mich damals psychisch sehr mitgenommen, dass die Leute meine Arbeiten mit einem Mädchen in Zusammenhang bringen. Ich wollte das nicht." Auch heute trägt er ein enges Shirt, das die Brüste abbindet. Das Shirt ist sehr eng, es anzuziehen ist für ihn das Schlimmste am ganzen Tag. "Gerade bei diesen Temperaturen schwitzt man unter dem Binder unglaublich." Dennoch zieht er ihn an. Jeden Tag. Und wenn er bei Freunden übernachtet, auch in der Nacht. "Es fühlt sich sonst einfach so falsch an."
Nicht nur in der Öffentlichkeit sind seine Brüste ihm unangenehm. "Ich schaue auch nicht in den Spiegel oder betrachte mich beim Duschen. Ich versuch es so gut wie möglich zu ignorieren, dass das nicht der Körper ist, in dem ich sein will." Nach seiner Hormontherapie wird Stecyk die Brüste abnehmen lassen. Da ist er sicher.

In die Mädchenrolle gedrängt

Starkes Mobbing in der Schule, Fotos von Stecyk in Whats-App-Gruppen mit dem Kommentar: "Schaut mal, die Transe", Probleme im Elternhaus: Irgendwann kam dann die Depression. "Ich bin außer zur Schule nicht mehr aus dem Haus gegangen. Der Problemberg hat sich damals aufgetürmt. Ich habe eine Mauer gebaut, aber irgendwann waren einfach keine Steine mehr da", veranschaulicht Stecyk sein Leiden zu dieser Zeit. Auch geritzt hat er sich damals. "Irgendwann war es mir sogar egal, ob jemand das sieht." Unkontrollierte Wutanfälle gab es oft. Die hat er dann an der nächstbesten Person ausgelassen. "Meistens war es meine Mutter. Einfach weil sie da war." Bedauern liegt in seinem Blick. Viel Kontakt haben er und seine Mutter nicht mehr. "Bis ich 13 war, hat sie versucht, mich in die Rolle eines Mädchens zu drängen."
Stecyk sollte Kleidchen tragen und Blusen mit Blumen. Angewidert schaut er zur Seite, ein "Herrgott im Himmel“ entfährt ihm. Mit 15 Jahren ist er dann in eine Pflegefamilie gekommen. Woran es lag, da ist sich Stecyk nicht so sicher. "An schlechten Tagen denke ich, es ist, weil ich transsexuell bin. Dann wieder glaube ich, wir hätten einfach mehr miteinander sprechen müssen."

Als seine Mutter von seiner Transsexualität erfuhr, hat sie gesagt, es sei ihr irgendwie schon immer klar gewesen, sie wollte es nur nicht wahrhaben. "Ich konnte ihr auch jahrelang nicht böse sein, wenn sie mich Jana genannt hat, schließlich hat sie mich so geboren." Was Stecyk aber verletzt ist, dass seine Mutter noch heute von "er/sie/es" spricht, wenn sie über ihn spricht. Sein Vater hat anders reagiert: "Das ist mir doch egal, du bist mein Kind", hat er beiläufig gesagt. Damit war das Thema erledigt. Im Moment wohnt Stecyk bei den Eltern seiner Freundin. "Für die war meine Transsexualität von Anfang an kein Problem." Sie nennen ihn Jan oder einfach "Großer".

Hormone statt Fußball

Seit vier Jahren ist er in psychologischer Behandlung. Die Therapeutin half ihm, wieder zurechtzukommen. Durch sie bekam Stecyk auch Zugang zu einer Whats-App-Gruppe mit anderen Transsexuellen. Der Austausch hilft. Aber auch im privaten Umfeld fand er Verständnis und Halt. Vor allem seine Oma war eine große Unterstützung. "Sie war die Erste, mit der ich darüber gesprochen habe, dass ich im falschen Körper bin." Auch die Mitspielerinnen des SV Heilbronn am Leinbach waren eine große Hilfe. "Die Mannschaft hat mich richtig gut aufgefangen. Ich bin Spielerinnen und Trainern sehr dankbar. Wenn die nicht gewesen wären – ich weiß nicht, was ich getan hätte."

Familie und Freunde wollte er zu diesem Zeitpunkt nicht mit seinen Problemen belasten. Das Relegationsspiel des SV Heilbronn gegen Kirchhausen war aber erstmal Stecyks letztes Fußballspiel. "Wenn ich anfange, die Hormone zu nehmen, kann ich nicht mehr in einer Frauenmannschaft spielen." Und um in einer Herrenmannschaft zu kicken, muss der Name im Pass geändert sein. Das kann dauern. Zwei Gutachten von unterschiedlichen Ärzten sind dazu nötig. Je nach Arzt kann das Monate dauern. "Ich hab die Einnahme der Hormone wegen dem Fußball lange vor mir hergeschoben. Aber letztlich ist es nur ein Hobby. Wichtiger ist, dass ich mich in meinem Körper wohl fühle."

Andere ermutigen

Inzwischen ist Stecyk gefestigter. Wenn ihn heute jemand wegen seines Aussehens schief anschaut, oder einen Kommentar ablässt, trifft ihn das nicht mehr so tief. Zumindest die meiste Zeit nicht. "Wenn es mir gut geht, denk ich mir: Du kennst die Person sowieso nicht. Oder: Kümmert euch um euren eigenen Scheiß." Aber nicht jeder Tag ist gleich, und es kommt immer auf die Tagesverfassung an. "Manchmal laufe ich auch heute noch nach Hause, schließ mich in meinem Zimmer ein und schlage mit der Faust gegen die Wand."

Seine Geschichte möchte er trotz aller Tiefschläge nicht missen. "Alles was passiert ist, hat mich stärker gemacht", sagt er sehr ruhig und überzeugend. Er möchte allen, die in einer ähnlichen Situation sind wie er, Mut machen: "Es gibt so viele transsexuelle Menschen, Schwule und Lesben, die sich nicht trauen, sich zu outen. Vielleicht ermutigt meine Geschichte diese Menschen, so zu leben, wie sie sich fühlen. Ohne sich zu verstellen. Denn jeder hat das Recht zu sein, wie er ist. Wem das nicht passt, der hat Pech gehabt." Auch ihm wurde in den schlimmen Phasen Mut gemacht. "Solange man nur einen Menschen hat, der einem den Rücken stärkt, geht das."

Beratungsstellen

Wer sich in Heilbronn zum Thema Transsexualität beraten lassen will, kann sich an Pro Familia wenden. "Nach dem Erstgespräch schauen wir individuell, was die nächsten Schritte sind", erklärt Andreas Baur, der als Berater bei Pro Familia arbeitet. Auch Eltern und Angehörige finden dort Hilfe. Einen offenen Treff für Transsexuelle gibt es in Heilbronn nicht. "Wir verweisen da immer nach Stuttgart." Auch online können Betroffene aus der Region unter www.transmann.ev Hilfe finden.

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