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Zu wenig Studienplätze

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Die regionale Hochschullandschaft ist in ihrem forcierten Ausbau nicht wiederzuerkennen. Im Interview fordert IHK-Präsident Harald Unkelbach mehr Kontakt und Kooperation zwischen den Hochschulen und den mittelständischen Firmen und verstärkt anwendungsbezogene Forschung, die den Unternehmen nützt. Nach wie vor verliere die Region viele junge Leute, weil sie hier nicht finden, was sie studieren möchten. 

Stärken und Schwächen

Herr Unkelbach, was waren die wichtigsten drei Meilensteine beim Ausbau der Hochschullandschaft?

Harald Unkelbach: Der erste war sicher die Entscheidung der Landesregierung unter Lothar Späth, mit den Hochschulen in die Fläche zu gehen. Das hat zur Gründung des Standorts in Künzelsau geführt. Dann die Ansiedlung einiger Forschungsinstitute insbesondere über Fraunhofer, zuerst in Bronnbach im Main-Tauber-Kreis, von wo allerdings wenig nach außen dringt, dann gemeinsam mit der Hochschule Heilbronn Logwert und jetzt im Bildungscampus mit dem Thema Künstliche Intelligenz. Der dritte große Meilenstein ist natürlich der neue Campus hier in Heilbronn. 

Die Wirtschaft ist auf eine gute Hochschulinfrastruktur angewiesen. Wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Unkelbach: Im Verhältnis zur wirtschaftlichen Stärke der Region haben wir nach wie vor zu wenig Studienplätze. Ich weiß, dass es ein schwieriger Spagat ist zwischen dem Bedarf der Unternehmen an Fachkräften und dem Bedarf an Hochschulabsolventen. Aber wir verlieren in der Region viele junge Leute, weil sie hier nicht das finden, was sie studieren möchten. Und wir sind mit dem heutigen Angebot nicht attraktiv genug für Bewerber von außen. 

Anschluss an Unternehmen

Mit dem Fraunhofer-Institut auf dem Heilbronner Bildungscampus gibt es in der Region endlich eine richtige Forschungseinrichtung. Was muss geschehen, dass die Mittelständler das als Chance sehen und kooperieren?

Unkelbach: Dazu braucht es viele Aktivitäten, entscheidend ist aber die Struktur: In den USA und in Asien sind die Hochschulen viel mehr auf Kooperationen mit der Wirtschaft angelegt. In Amerika bekommen Universitäten nur Geld, wenn sie einen Kooperationspartner aus der Wirtschaft haben, der ein Projekt mitfinanziert. Bei uns ist das nicht der Fall. Deswegen befürchte ich, dass wir zum Beispiel beim Thema Künstliche Intelligenz wieder nur abstrakte Grundlagenforschung machen, ohne auf Anwendungsmöglichkeiten einzugehen. 

Nicht nur bei Fraunhofer, sondern mehr noch bei der TUM, gibt es in der Region es Sorgen, dass die Flughöhe zu hoch ist für die regionale Wirtschaft. Was muss die Wissenschaft tun, um aus dem sprichwörtlichen Elfenbeinturm herauszuklettern?

Unkelbach: Wir haben den Digital Hub gegründet, um die regionalen Hochschulen mit dem Mittelstand zusammenzubekommen. In dem neuen Gebäude in Künzelsau sind Forschungsstellen mehrerer Firmen angesiedelt und genauso die Hochschule und Startups. Da wird die Anbindung sehr eng sein.

Unterstützung und Ansätze

Dafür es gab eine Million Euro Fördergelder vom Land.

Unkelbach: Ja, der Förderbescheid liegt inzwischen vor, da können wir jetzt richtig loslegen und zum Beispiel zusammen mit dem Hasso-Plattner-Institut neue Techniken wie Design Thinking einführen. Damit wollen wir die Hemmschwellen zwischen kleineren Unternehmen und Hochschulen, die es übrigens auf beiden Seiten gibt, abbauen

Bisher gründete der Erfolg vieler Hidden Champions eher auf Hemdsärmeligkeit. Was muss geschehen, dass sich der Unternehmergeist der Region mit der Wissenschaft verbündet?

Unkelbach: Wir müssen eine frühe Bindung zwischen Studierenden und Firmen erreichen. Da gibt es gute Ansätze wie Jugend forscht für Schüler und den Ausbau der praktischen Tätigkeiten an Gymnasien. 

Blick in die Zukunft

Also vor allem über die jungen Leute?

Unkelbach: Ja, das geht nur über die nächste Generation. Bei den älteren Leuten ist das Tüftlerwesen ja noch sehr ausgeprägt, was ja zu großen Erfolgen geführt hat. Aber das kann so nicht mehr die Zukunft sein. Es wird natürlich immer Tüftler geben, aber die wissenschaftliche Untermauerung der Themen wird immer notwendiger. Wir müssen uns von dem Gedanken verabschieden, dass wir an den Hochschulen nur Grundlagenforschung machen: Wir dürfen die Anwendungsforschung nicht vernachlässigen. Dafür brauchen wir eine ganz andere Wissenschaftsorganisation. Mit Grundlagenforschung produziere ich Elfenbeintürme – und dann braucht man große Programme, um die Ergebnisse mit der Realität zu verbinden. 

Mit der TUM gibt es jetzt einen Vertreter der anwendungsorientierten Forschung in der Region – und einen Wettbewerber für die bestehenden Einrichtungen. Was muss geschehen, dass sich die Einrichtungen nicht in erster Linie als Konkurrenten sehen?

Unkelbach: Die TUM ist als technische Universität stärker an der Anwendung orientiert. Davon verspreche ich mir schon einige Impulse. Wichtig wäre aber, dass sie frühzeitig Kontakt mit den Firmen sucht und Veranstaltungen für Mittelständler macht. Es darf keine Berührungsängste geben zu den betrieblichen Anwendungen. Viele Professoren haben ja gar keinen Kontakt zu Firmen. Aber die Unternehmen sind ebenfalls gefordert

Kontakt knüpfen und teilhaben

Wie steht es um die Vernetzung mit den bestehenden Hochschuleinrichtungen in der Region?

Unkelbach: Wir müssen mehr Zusammenhalt schaffen. Man müsste eine regionale Hochschulstruktur aufbauen mit Lehrenden und Studierenden, die zusammenarbeiten. Fast jede Fakultät leistet sich einen Mathematiker, der nicht voll ausgelastet ist. Warum kann man solche Spezialisten nicht über eine Kooperation zwischen den verschiedenen Hochschultypen teilen? Für die Entwicklung der Region wäre mehr Kooperation sehr notwendig – übrigens auch innerhalb der Hochschule Heilbronn: Die Zusammenarbeit zwischen Schwäbisch Hall, Künzelsau und Heilbronn spielt sich vor allem in den Gremien ab, nicht in der täglichen Arbeit. Das ist schade. 

Im Moment werden die ersten Konjunkturwolken am Himmel sichtbar. Wie sollten die Unternehmen im Umgang mit den Hochschulen in der Region darauf reagieren?

Unkelbach: In schlechten Zeiten an Bildung zu sparen, ist genau der falsche Weg. In der Krise 2008/09 hat sich gezeigt, dass die Firmen, die in dieser Zeit in die Weiterbildung investiert haben, schneller wieder zurück in den Normalmodus kamen. Sie gingen gestärkt aus der Krise hervor. 

 

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