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Geld gegen Flugscham

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Zwei Wochen lang wird Greta Thunberg auf ihrer Reise in die USA unterwegs sein. Die Klimaaktivistin will aufs Fliegen verzichten und segelt deshalb mit einer Rennyacht zu einer Konferenz in New York. Für die meisten Menschen dürfte diese Art des Reisens unmöglich sein. Sie buchen stattdessen ein Flugticket und stoßen auf ihrer Reise drei Tonnen klimaschädliche Emissionen aus – eine Tonne mehr, als die Menge, die pro Kopf als unbedenklich gilt. 

Unternehmen wie Atmosfair und Myclimate werben damit, diesen Schaden wiedergutzumachen. Mit Spenden unterstützen sie klimafreundliche Projekte und wollen den CO2-Ausstoß global im Gleichgewicht halten. Wie funktioniert das? Und ist es sinnvoll? Wir haben Fragen und Antworten gesammelt.

Wie genau funktioniert eine CO2-Kompensation?

Die Kompensation funktioniert meist nach dem gleichen Prinzip. Wer den Ausstoß einer Flugreise oder Kreuzfahrt kompensieren möchte, gibt im Internet einige Eckdaten ein. Wohin wurde gereist? Economy oder Business? Anhand dieser Infos wird berechnet, wie hoch der CO2-Ausstoß ist und welcher Betrag dafür angemessen ist. Mit diesen Spenden finanzieren die Anbieter klimafreundliche Projekte, bei denen sie die CO2-Einsparung genau bemessen können. So kann die ausgestoßene Menge des Fluges mit der Einsparung verrechnet werden und wird dann als ausgeglichen bezeichnet. Die Nutzer erhalten eine Spendenbescheinigung.

Welche Anbieter gibt es?

In Deutschland gibt es für Privatkunden vier große Anbieter: Atmosfair, Myclimate, Arktik und die kirchliche Klimakollekte. Bis auf Arktik sind die Anbieter gemeinnützig organisiert.

Welche Klimaschutzprojekte werden unterstützt?

Das ist unterschiedlich. Laut Umweltbundesamt werden vor allem erneuerbare Energien, eine nachhaltige Landwirtschaft und Wälder gefördert. Ein Beispiel: Biogasanlagen in Nepal versorgen die Bevölkerung mit Energie aus Abfällen und Dung. Dadurch wird weniger Feuerholz genutzt und pro Biogasanlage werden drei Tonnen CO2 im Jahr gespart. In Nicaragua verweist das Amt auf 9000 neu gepflanzte Bäume, die jedes Jahr 36 Tonnen CO2 aus der Luft binden.

Ist dieses Prinzip sinnvoll?

Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. "Die Kompensation der eigenen Emissionen kann ein sinnvoller zusätzlicher Beitrag zu mehr Klimaschutz sein", sagt Frank Wolke, Fachgebietsleiter für Klimaschutzprojekte bei der Nationalen Zustimmungsstelle CDM/JI bei der Deutschen Emissionshandelsstelle. Entscheidend sei dabei aber, welche Projekte durch die Spenden finanziert werden. Außerdem gehe es vorrangig darum, Emissionen zu reduzieren. „Denn: Was ich nicht emittiere, muss ich nicht kompensieren.“ Außerdem, betont Wolke, sollten Nutzer auf Siegel wie den „GoldStandard“ oder das internationale Siegel „CDM“ achten. Diese richten bestimmte Vorgaben an die Klimaschutzprojekte, etwa dass sie eine bestimmte Menge CO2 im Jahr dauerhaft einsparen und Risiken einberechnet sind. „Nur dann kann man relativ sicher sein, dass das Projekt ordnungsgemäß durchgeführt und überwacht wird.“ 

Wie viele Menschen machen eine freiwillige Kompensation?

Am Beispiel von Myclimate zeigt sich, dass immer mehr Menschen ihren CO2-Fußabdruck ausgleichen wollen. Allein im ersten Halbjahr 2019 stiegen die Umsätze bei den Klimaspenden um 395 Prozent im Vergleich zu 2018. "Wir spüren ein rasant steigendes Interesse schon seit Mitte vergangenen Jahres, Stichwort Hitzesommer 2018“, sagt Janosch Menger, zuständig für Marketing und Kommunikation bei Myclimate. 2018 war das bisher umsatzstärkste Jahr der Organisation: Rund 1,8 Millionen Euro Spenden erhielt Myclimate für CO2-Kompensationen. Rund 1,4 Millionen flossen direkt in Klimaschutzprojekte. Allein 60 Prozent der Spenden kommen durch Flugreisen zusammen. Im Schnitt kompensiert jeder Nutzer zwei Tonnen CO2, was etwa einem Flug von Stuttgart nach New York entspricht. "Die Menschen sind alarmiert und sensibilisiert und wollen aus sich heraus aktiv werden und etwas ändern", sagt Menger. Daran habe auch die Bewegung Fridays for Future ihren Anteil. Am Anschlag ist die Organisation noch nicht: Im vergangenen Jahr wurden durch die Projekte mehr als 300 000 Tonnen CO2 eingespart, als die Nutzer kompensieren wollten. Insgesamt gesehen wird von 120 Millionen Flügen ab Deutschland aber nur ein Bruchteil kompensiert.

Wie hoch sind die Kosten?

Die Kosten, um einen Flug auszugleichen, sind unterschiedlich (siehe Grafik). Sind Beträge von zehn Euro genug, um die Schäden des Fliegens zu begleichen? "Bei der freiwilligen Kompensation geht es weniger um die Lenkungswirkung mit dem Preis als um einen freiwilligen zusätzlichen Beitrag zum Klimaschutz“, sagt Frank Wolke. Vom Fliegen abhalten könne man die Menschen damit nicht, dazu brauche es "verbindliche Instrumente mit höheren CO2-Preisen".
 

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