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Von Vollproleten und bärtigen Spießern

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Eigentlich hätte er diese kleine Club-Tour nicht mehr nötig, füllt er doch inzwischen die großen Hallen in ganz Deutschland. Tedros Teclebrhan, alias Teddy Comedy, macht es trotzdem und tingelt in den Wintermonaten durch kleinere Locations, wie am Donnerstagabend dem mit 650 Fans restlos ausverkauften Wilhelm-Maybach-Saal. Der 36-Jährige ist einer der Shootingstars der jungen Comedyszene, mit einem gespielten Integrationstest war Teddy 2011 dank eines Internet-Videos der Durchbruch gelungen. Teclebrhan ist ein Multitalent, seine Auftritte sind nicht nur Stand-Up-Comedy, sondern auch Parodie, Gesang, Tanz und Improvisation

Nein, tiefsinniges Kabarett darf man bei einem Auftritt von Teddy Comedy nicht erwarten. Gespielte Dämlichkeit und bewusst überzeichnete Klischees ziehen sich wie ein roter Faden durch den Abend. Sprunghaft hängt er sich minutenlang an Kleinigkeiten wie einem Wespenstich auf, um sich im nächsten Moment über schwäbische Eigenheiten auszulassen. Er weiß, von was er spricht, kennt die schwäbische Provinz. Als Junge flüchtete Teclebrhan vor dem Bürgerkrieg in Eritrea, landete mit seiner Mutter in einem deutschen Asylbewerberheim und schließlich in der Kleinstadt Mössingen (Kreis Tübingen).

Schrullig

Der Comedian zeigt sich wandelbar, schlüpft in verschiedenste Rollen, die, weil bekannt, schon bei den kleinen Intros auf einer Videowand frenetisch bejubelt werden. Da wäre Ernst Riedler, ausgestattet mit Schnauzer und Schiebermütze. Ein Vorzeigespießer und Ausländerfeind, den man durch seine schrullige Art fast schon wieder ins Herz schließen möchte. Sein Motto? "Kontrolle ist gut, Verachtung ist besser."

Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen wettert er gegen von ihm so titulierte "Batschaken", auf die er am liebsten Hundertschaften der Polizei ansetzen würde. Augenzwinkernd entlarvend und bewusst überzogen, ist die Figur ein Zeichen in Zeiten von wachsendem Rechtspopulismus. 

Model Percy, Teclebrhan trägt für die Rolle eine Perücke, poltert latent aggressiv und mit einem Sprachfehler versehen über Motivationscoaches, macht sich über Nachrichtensprecher und Musik-Castingformate wie "The Voice Of Germany" lustig. Hier zeigt Teclebrhan auch sein Händchen für Improvisation, bindet kurzerhand einen Fan aus der ersten Reihe mit ins Programm ein. Die Freundin des Fans ist an diesem Abend nicht dabei. "Sie steht nicht so auf Comedians", gibt er mit einem Lachen kleinlaut zu. Kurzerhand schnappt sich Percy das Handy, um für die Liebste ein Video aufzunehmen.

Paraderolle

Doch nicht alle Rollen zünden. Der italienische Koch Guido, der sich über die Pubertätsprobleme seines Sohnes Frangelico auslässt, und immer wieder mit Sprüchen unter die Gürtellinie rutscht, ist auf Dauer eher anstrengend als lustig. Überzeugen kann Tedros Teclebrhan dann wieder in seiner Paraderolle Antoine Butz, die den zweiten Teil nach der Pause übernimmt. Gekleidet in knallroter Jacke mit Arbeitsamt-Logo auf dem Rücken, mimt er den locker-lässigen Vollproleten , der den Zuschauern mal bei einem Sketch Tipps für Polizeikontrollen gibt, mal gemeinsam mit den Fans die abstrus-sinnfreien Songs "Flieg, klein Wellensittich" und "Lohn Isch Da" performed. 

Nach über zwei Stunden gibt es vom Publikum viel Applaus. Seine Vielseitigkeit beweist Teclebrhan noch einmal bei der Zugabe: Beim Opus-Rockstampfer "Live Is Life", in der Teddy-Version mit einem Keyboarder zu einer Soulballade umgewandelt, zeigt der 36-Jährige auch gesangliche Qualitäten. Und, ach ja, Schauspiel kann er auch: 2015 war er in der Kino-Komödie "Halbe Brüder" zu sehen, in diesem Jahr übernahm er eine Nebenrolle in Nora Fingscheidts Drama "Systemsprenger". Der Film gewann bei der Berlinale nicht nur einen Silbernen Bären sondern geht 2020 als deutscher Beitrag ins Oscar-Rennen.

 

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