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Welcher Baum wird wo wachsen?

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Die Fichte ist wohl eine aussterbende Art. Jedenfalls hierzulande. Wer sich die Baumarten-Eignungskarte der Forstlichen Versuchsanstalt aus Freiburg anschaut, blickt bei den Prognosen für 2050 und das Jahr 2100 auf landesweit feuerrote bis kohleschwarze Flächen. Fast scheint es, als seien diese Farben bewusst gewählt – sie signalisieren im Kartenwerk Regionen, in denen die Baumart angesichts steigender Temperaturen sprichwörtlich von der Sonne verbrannt werden dürfte. 

Da die Prognosen auch für andere wichtige Baumarten, von Eichen bis zu Buchen und Tannen, ähnlich dramatisch sind, haben sich Waldbesitzer mittlerweile auf die Suche nach Alternativen gemacht. So unterstützte etwa das Fürstenhaus Castell, ansässig im Steigerwald südöstlich von Würzburg, eine Masterarbeit, die ein klares Ziel verfolgt: Regionen in Europa ausfindig machen, in denen der künftige Baumbestand der fürstlichen Wälder schon heute wächst. Die Grundannahmen sind Temperaturerhöhungen um 2,4 sowie um 4,8 Grad. Im günstigeren Fall würde das Waldgebiet klimatisch dem Raum Heilbronn entsprechen, ergab die Studie, im schlechteren Fall dem Oberrheingraben oder sogar dem oberen Rhonetal. Dort wachsen bereits Esskastanien statt Eichen – und der Forstbetrieb von Castell prüft, ob diese Arten auch mit den Böden in Franken klarkommen.

Eignungskarte

Dass diese Projekte gerade von Adligen forciert werden, hat zwei Gründe: Zum einen verfügen sie aus Jahrhunderte altem Erbe über große Waldflächen – im Fall der Castells sind es 4.500 Hektar. Zum anderen haben sie das Ziel, ihre Flächen wirtschaftlich zu nutzen und dadurch für die nachfolgenden Generationen zu sichern – eben auch, indem sie zukunftsfähige Baumsorten anpflanzen. 

Die Castells sind mit ihren Bemühungen daher nicht alleine. Nicht nur, dass das bayrische Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten diesen Herbst ein Projekt "Waldzukunft zum Anfassen" angestoßen hat und in Baden-Württemberg die Baumarten-Eignungskarte erstellt wurde. Auch große Waldbesitzer im Großraum Heilbronn-Hohenlohe beschäftigen sich längst mit der Frage: Welcher Wald wird wo wachsen ? 

Da ist zum Beispiel Kraft zu Hohenlohe-Öhringen: Der studierte Forstwirt besitzt 4.350 Hektar Wald rund um Öhringen sowie in Sachsen-Anhalt. Fichten, Tannen und Lärchen wachsen bislang in Hohenlohe natürlich vorkommend. "Das war mal der Rand ihres Verbreitungsgebietes", erläutert er. "Jetzt zieht sich der Rand zurück." Diese Baumarten müssten nun ersetzt werden. So werde erwogen, Douglasien oder Roteichen anzupflanzen. Das Ziel ist ein "klimastabiler Mischwald", wie es Kraft zu Hohenlohe-Öhringen ausdrückt. Schon seit 25 Jahren werde in den eigenen Wäldern keine Fichte mehr gepflanzt. "Wir haben schon damals gemerkt, dass das System an seine Grenzen kommt", erzählt er. Das Jahr 2018 habe dann den verheerendsten Schlag gebracht: Zurzeit seien acht Prozent der Betriebsfläche bei den Hohenlohes kahl, berichtet der Forstherr. Insgesamt rechne er mit 20 Prozent Ausfällen – Eschen und Buchen sind an neuen Schädlingen erkrankt, Lärchen, Tannen und Fichten leiden unter Borkenkäfern. "Wir haben alle die Sorge: Was ist die Baumart von morgen?" sagt der Adlige. "Heute kennen wir den Schädling von morgen noch nicht. Wir können uns nur so breit wie möglich aufstellen."

Versuche

Bei der Württembergischen Hofkammer ist Thomas Friede Förster für das Revier Pfahlhof im Süden des Landkreises Heilbronn. Auch für diese 1.500 Hektar wird über alternative Baumarten nachgedacht. Seit 20 Jahren unterhält die bayrische Hochschule Weihenstephan zwei Versuchsflächen im Revier, berichtet der Förster. Baumhasel und Platanen sind dort gepflanzt, um zu testen, ob sie auch als forstwirtschaftliche Baumart geeignet sind – und nicht bloß als Pflanzung entlang von Straßen in der Stadt. "Das war damals schon relativ visionär",  sagt Friede. "Diese Arten wurde ausgewählt, weil sie wärmeres Klima aushalten." Aber ein Baum wachse 60 bis 150 Jahre, bis er hiebreif ist – nach zwei Jahrzehnten lasse sich also noch kaum etwas über die Eignung aussagen. 

Gerade für Waldbesitzer, die wirtschaftlich arbeiten wollen, sei eine andere Frage entscheidend: Welche Baumart ist für die Holzindustrie geeignet? So kann Friede nur berichten: "Wir sind mittendrin in der Umstellung. Aber wir werden dafür noch Jahrzehnte brauchen. Ich glaube, dass keine Baumart unbeschadet aus dem Klimawandel hervorgehen wird." Zurzeit werde versucht, standortgerechte Arten zu pflanzen. Und die Bäume künftig jünger zu ernten, schon mit 60 statt mit mehr als 100 Jahren. Nur in einem sind sich Forstleute einig: "So groß wie jetzt war die Unsicherheit noch nie."

 

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