Stimmt.de

Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Die Gefahr vor der Haustür

Übersicht

Das Areal der Waldheide, wenige hundert Meter Luftlinie vom Heilbronner Stadtzentrum entfernt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der US-Armee, streng abgeschirmt, militärisch genutzt. Kein Heilbronner sollte und durfte wissen, was sich hinter dem mehrfach gesicherten Zäunen abspielte. Nach dem Nachrüstungsbeschluss des Bundestages 1983 brachten die Amerikaner sogenannte Pershing-II, Mittelstreckenraketen, nach Heilbronn.

Drei Tote

Am 11. Januar 1985, einem kalten Wintertag, explodierte auf der Waldheide bei der Montage die erste Stufe einer solchen Waffe. Der Unfall forderte das Leben dreier Soldaten und 16 Verletzte. Und er rüttelte die Bevölkerung wach.

Nach dem Raketenunfall organisieren sich viele Menschen in Friedensgruppen. Einige fassten daraufhin den Entschluss, die Zufahrt zu dem US-Militärstandort zu blockieren. Darunter auch Birgitt Lugert und Volker Bunse, die damals 20 Jahre alt. Ronja Bunse und Daniel Utzmann haben sich mit den beiden über die Zeit vor mehr als 30 Jahren, aber auch der politischen Situation heute unterhalten.

Das Gespräch

Ronja Bunse: Warum habt ihr euch damals entschlossen, auf die Straße zu gehen?

Birgitt Lugert: Ich denke, darüber nachzudenken, wie das Leben in Deutschland ist, hat bei mir schon mit 15 oder 16 Jahren angefangen. Ich war elf Jahre alt, als wir nach Weinsberg gezogen sind. Wir haben unterhalb der Waldheide gewohnt. Was für mich komisch war: Wir sind dort spazieren gegangen. Wenn ich heute zurückdenke, fallen mir die permanenten Scheinangriffe von Tiefliegern auf das Weinsberger Kreuz oder auf die Waldheide ein. Damit bin ich einfach aufgewachsen, das fand ich nicht gut. So hat mein Protest gedanklich angefangen.

Volker Bunse: Es gab damals irgendein Provinzreisebüro in den USA, das mit dem Spruch geworben hat: "Besuchen sie Europa, solange es Europa noch gibt.“ Das hat eingeschlagen. Und so richtig unserem Lebensgefühl entsprochen. Ich hatte das Gefühl, es müsste nur etwas Kleines schieflaufen und dann geht alles den Bach runter.

Ronja Bunse: Wann habt ihr demonstriert? Also wie lange gingen die Proteste?

Volker Bunse: 1983 begannen die ersten Blockaden. Die gingen zwei oder drei Wochen und waren angehängt an die Friedensbewegung. Aber da ist es auch schnell wieder ruhig geworden. Dann kam dieser Unfall, das Blockadethema ist wieder hochgekommen und die Leute haben sich wieder zusammengeschlossen.

Birgitt Lugert: Mehr oder weniger permanent. Das Ziel war 24 Stunden, sieben Tage die Woche zu blockieren. Dabei haben wir uns alle abgewechselt. Eine Story müssen wir erzählen: Wir waren zu viert, in der zwölften Klasse und hatten eine geniale Idee. Als erstes haben wir Friedenstauben gebacken. Dann haben wir uns im Gesicht weiß geschminkt und Plakate vorbereitet. Die ganze Nacht haben wir gepowert und sind dann am nächsten Morgen mit klopfenden Herzen in die Schule. Das hört sich heute so lächerlich an, aber in unserer Schule gab es sowas noch nie zuvor. Das war etwas Revolutionäres. Wir sind dann alle der Schule verwiesen worden und haben Einträge gekriegt.

Volker Bunse: Das Schöne war, wir konnten endlich ins SMV-Zimmer und ausschlafen, denn wir waren so fertig von der Nacht. (Alle lachen)

Daniel Utzmann: Wie war die politische Situation damals und das gesellschaftliche Klima?

Birgitt Lugert: Wenn du ein bisschen andere Literatur gelesen hast – und manchmal war sogar der Spiegel schon kritisch genug – dann hast du von Fast-Unfällen lesen können, von menschlichem Versagen, von Kalkül hinter allem und den in Kauf genommenen Toten. Lauter solche Sachen. Da ist einem einfach angst und bange geworden. Diese Maschinerie war so nah, direkt vor unserer Haustür.

Volker Bunse: Ich denke, was du sehen musst: 1983 kam Helmut Kohl und mit ihm ein konservatives Rollback. Damals haben die Konservativen in viele Punkten versucht, Dinge zurückzudrehen, die sich die Jahre davor in die richtige Richtung bewegt haben.

Birgitt Lugert: Trotzdem war das Thema Abrüstung, die Gefahr schon sehr präsent, auch bei der Durchschnittsbevölkerung. Der Oberbürgermeister von Heilbronn ist dann auch am 1. Mai mitgelaufen. Demonstrieren ist dann irgendwie gesellschaftsfähiger geworden.

Volker Bunse: Es gab plötzlich eine Unterstützung aus der Bevölkerung, die es vorher nicht gab. Es gab einen Wandel in der Einstellung. Da gab es Leute, die hoch auf die Waldheide gekommen sind, die uns Mut gemacht haben. Leute, die wesentlich älter waren, die Essen verteilt, Äpfel gebracht haben oder Bretzeln zum Frühstück. Das ist natürlich auch wieder erlahmt, aber erstmal hat das einem einen unheimlichen Auftrieb gegeben.

Ronja Bunse: Was waren für dich die Folgen deines Blockierens?

Volker Bunse: Ich wurde wegen Nötigung angeklagt. Als der Prozess nach ein paar Jahren aufgerufen wurde, hatte ich ihn schon fast vergessen. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits 25 Jahre alt und zweifacher Familienvater. Von der Anklage wurde ich freigesprochen.

Ronja Bunse: Würdet ihr heute wieder gegen die Raketen demonstrieren?

Birgitt Lugert: Ja, ich würde es wieder tun.

Volker Bunse: Ja, wenn auch nicht rund um die Uhr, wegen der alten Knochen.

Daniel Utzmann: Nun mal zur Gegenwart. Für uns ist wohl die größte Krise, die wir miterleben, der Klimawandel. Wenn man jetzt von sowas wie zivilem Ungehorsam redet, fallen einem Aktionen der Bewegung "Ende Gelände“ zum Beispiel im Zusammenhang mit der Abholzung des Hambacher Forstes in Nordrhein-Westfalen ein. Wie ist eure Meinung heute dazu?

Volker Bunse: Das ist auf jeden Fall wichtig. Außerdem ist es nicht nur berechtigt. Es ist notwendig. Nur wenn es Druck gibt, wenn die Leute meckern und sich beschweren, kann sich etwas ändern. Es gibt keine Gewähr dafür, aber wenn wir alle ruhig sind und schön das Maul halten und nur den Idioten das Wort überlassen, dann funktioniert es auf gar keinen Fall. Nur, wenn möglichst viele Leute immer wieder sagen "So nicht“, wird etwas passieren.

Zur Info

Volker Bunse (54) ist Ingenieur und Vater von fünf Töchtern. Er lebt in Eberstadt. Birgitt Lugert wohnt in Bad Wimpfen, ist ebenfalls Jahrgang 1964 und Mutter von zwei Töchtern. Ronja Bunse aus Eberstadt ist 19 Jahre alt und zur Zeit Praktikantin in der Stimmt!-Redaktion. Daniel Utzmann (19) aus Bad Rappenau macht ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Diakonie Heilbronn.

 

 

Galerien

Regionale Events

Bildungsmesse Heilbronn

Vom 9. bis 11. Mai öffnet die Bildungsmesse Heilbronn wieder ihre Pforten. 200 verschiedene Unternehmen stellen sich vor und beraten euch bei eurer Berufswahl.

Blacksheep Bandcontest

Am Samstag, 27. April, wird in der Bonfelder Bislandhalle ein Bandcontest abgehalten. Stereogold, Neeve, Kyona und Roadstring Army werden teilnehmen!

Würth Open Air

Vom 28. bis 30. Juni findet in Künzelsau das Würth Open Air statt.

Frauen vs. Männer

Am 29. März findet in Heilbronn der "Frauen vs. Männer"-Poetry Slam statt.