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Angeklagter spricht von "Unterdrückung“

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In Handschellen werden die drei jungen Männer zwischen 20 und 24 Jahren in den Gerichtssaal gebracht. Versuchten Mord und besonders schwere Brandstiftung wirft ihnen die Staatsanwältin vor, weil sie einen Brandanschlag mit Molotow-Cocktails auf den Gebäudekomplex der türkischen Milli-Görüs-Gemeinschaft in Lauffen verübt haben sollen. Zwei der drei Angeklagten mit kurdischen Wurzeln äußern sich gestern am ersten Prozesstag vor dem Heilbronner Landgericht nur zu ihrem Lebenslauf, sprechen von erlebter Unterdrückung der Kurden und getöteten Personen in der eigenen Familie durch die türkische Armee. Nur: Sind sie auch die Täter der Brandattacke in Lauffen?

Rote Fingernägel

Der Anschlag soll laut einem im Internet veröffentlichten Video vom Tatort ein Racheakt auf eine Militäraktion der türkischen Armee in der syrischen Stadt Afrin gewesen sein. Fünf Brandsätze haben die Täter in der Nacht zum 9. März 2018 ins Erdgeschoss des Gebäudes geworfen. Dort schliefen der Imam und seine Frau. Tatzeit: 1.45 Uhr. Weitere 39 Wohnungen befinden sich in oberen Stockwerken, 53 Menschen waren zur Tatzeit im Komplex. Zuvor hatten die Täter mit Steinen einige Scheiben eingeworfen.

Von vier Tätern und einer Person mit rot lackierten Fingernägeln, die das Video drehte, geht Staatsanwältin Tomke Beddies aus. Gesichter waren im Video nicht erkennbar. Von "keiner dichten Beweislage“ spricht Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf. Ihr Verteidigerkollege Rüdiger Betz redet von "Vermutungen“ und nennt einen Freispruch als Ziel.

Auf identifizierte Kleidung bei einem der Täter, ermittelte Handy-Geodaten und DNA-Spuren am Tatort, auf akribische Ermittlerarbeit verweist die Staatsanwältin. Sie sieht eine ausreichende Indizienlage. In dem Video – das auf Internetseiten aus dem Lager der verbotenen kurdischen Organisation PKK verbreitet wurde – sei von einem Angriff der jungen Männer auf "einen Verein türkischer Faschisten“ die Rede. Der gewaltsame Konflikt zwischen Türken und Kurden erreicht mit militanter Stärke die Region Heilbronn.

Bierflaschen mit Benzin

Verletzt wurde niemand. Der Imam und seine Frau wurden wach und flohen aus dem Haus, ein Mitglied der Gemeinde konnte das Feuer rasch löschen. 5000 Euro Schaden entstand am Gebäude. Es hätte aber deutlich schlimmer ausgehen können.

Die Molotow-Cocktails sind nach Angaben der Staatsanwältin einfach konstruiert gewesen. Mit 0,33-Liter Bierflaschen, Benzin als Flüssigkeit und einem T-Shirt als Lunte.

"Wir durften uns nicht in unserer Muttersprache unterhalten, uns nicht frei bewegen“, schildert A. (24) die Lage in seinem türkischen Heimatort, spricht von "Unterdrückung“ durch den Staat. Es fielen Bomben. Mit seinem Cousin floh er nach Deutschland. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, er legte Klage ein.

Zeugen kommen nicht

Der 20-Jährige H. stammt aus Syrien, floh vor IS und Staatsmilitär nach Istanbul, kam dann nach Deutschland. Hier hat er einen Antrag für einen Aufenthaltstitel gestellt, jobbte bis zu seiner Verhaftung in einem Imbiss. Nach seinen Angaben starben eine Cousine und ein Freund durch türkische Bomben. Er schloss sich dann in Heilbronn kurdischen Demos an.

Der Imam und seine Frau werden nicht als Zeugen auftreten. Sie seien wieder in der Türkei, teilte das Gericht mit. Insgesamt blieb der erste Prozesstag auffallend friedlich. Rund 20 Zuhörer, vorwiegend türkischer oder kurdischer Herkunft, verfolgten ruhig das Geschehen.

 

 

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