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Düsterer Heimatfilm

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"Bei uns ist die Welt noch in Ordnung“, hört man gern auf dem Land. Als ob es nicht gerade unter der Oberfläche der bürgerlichen Mitte brodelte. An dieser Oberfläche kratzt Felix Hassenfratz. Das Doppelbödige, die Doppelmoral und das Falschzüngige deckt Hassenfratz in seinen Filmen auf, die man als Anti-Heimatfilme verstehen darf.

Erster Lang-Spielfilm

In Heilbronn geboren, aufgewachsen in Eppingen, seine Frau kommt aus Kirchhardt, kennt Regisseur Hassenfratz die "dörflichen Strukturen und ihre Brüche“. Als Jugendlicher war "mir das alles zu eng, zu piefig“. Nach Abitur und Zivildienst zieht er nach Köln und studiert an der Internationalen Filmschule. Jetzt kommt sein erster Lang-Spielfilm ins Kino. Am 17. Januar ist Bundesstart von "Verlorene“.

Dass die Promo-Tour zum Kino-Debüt im Arthaus in Heilbronn startet, bevor es nach Düsseldorf, Köln, Berlin, Stuttgart und weiter durch die Republik geht, liegt Hassenfratz am Herzen. Gedreht wurde in Ittlingen, in Tiefenbach, bei Sinsheim und in der Nähe von Bad Rappenau.Warmbrunn heißt das Dorf im Film, der von einem Missbrauch erzählt, von Scham und Schuldgefühl des Opfers, der Sehnsucht nach Liebe und davon, wie eine Familie zerbricht.

Die Auseinandersetzung mit der badischen Provinz hat Felix Hassenfratz schon bei seiner ersten Kurz-Dokumentation "Der Bäcker war’s“ im Jahr 2007 bewegt, einer 22-Minuten-Doku über Siegelsbach und den ungeheuerlichen Fall seines Dorfbäckers, der zum Bankräuber und Mörder wird.

Badischer Dialekt

"Erzählerisch zieht es mich in die Heimat zurück“, sagt Hassenfratz, der regelmäßig Familie und Freunde im Kraichgau besucht. Es ist dieser Blick von innen und von außen, aus einer intimen Distanz, der die Atmosphäre seiner Filme ausmacht. Dabei funktioniert "Verlorene“ trotz regionaler Verortung als Geschichte, die überall spielen könnte.

Beim Filmfest Emden-Norderney gewinnt "Verlorene“ den Publikumspreis, obwohl im nordbadischen Dialekt gesprochen wird – ohne Untertitel. "Es gibt zu wenige Filme in Dialekt“, findet Hassenfratz. Außer in Bayerisch, "das hat eine Sonderstellung“.

Weltpremiere feierte "Verlorene“ letzten Februar bei der Berlinale in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino“, kleinere Filmfestivals folgten sowie Nominierungen und Preise. Sechs Jahre haben die Recherchen zu "Verlorene“ gedauert, ein düsterer Heimatfilm, der ein brisantes Thema unsentimental erzählt.

Viel Verantwortung

Die 18-jährige Maria fühlt sich nach dem frühen Tod der Mutter verantwortlich für ihre jüngere Schwester Hannah, die den Ausbruch aus dem Dorf plant. Und für den Vater und ihr gemeinsames Zuhause. Stumm und stoisch erfüllt sie die Erwartungen der anderen, nur wenn sie Orgel spielt, fühlt sie sich frei. Als der Zimmermann Valentin beim Vater eine Anstellung findet, verliebt sich Maria. Doch je mehr Valentin sich ihr nähert, umso mehr zieht sie sich zurück. Die heile Welt ist über den Schwestern längst zusammengebrochen, als es Hannah gelingt, Maria und sich zu retten.

Als der Missbrauch an der Odenwaldschule öffentlich wurde und diskutiert, begann Hassenfratz, an seiner Filmidee zu arbeiten. "Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, umso klarer wurde, dass ich nicht von einer Institution erzählen wollte, sondern von Familie.“ 80 bis 90 Prozent aller Missbrauchsfälle finden im familiären Umfeld statt.

Nächster Langstreifen

Interessiert Felix Hassenfratz das Dunkle im Menschen? Obwohl er privat gerne Komödien sieht? Seine Filme beschäftigen sich mit gebrochenen Lebensläufen. Sein nächster Langstreifen, der wieder in der süddeutschen Provinz spielt, wird immerhin eine Tragikomödie. "Frieda“, so der Arbeitstitel, erzählt von zwei Frauengenerationen von den 60er Jahren bis in die 90er.

Die Entwicklungskosten sind gesichert, jetzt müssen die Produktionskosten finanziert werden. "Wenn es gut läuft, beginnen wir 2021 mit dem Dreh.“ Dass der Vorlauf gerade bei Jungfilmern so lange dauert, ist nicht ungewöhnlich.Woher seine Liebe zu bewegten Bildern rührt? "Ich habe schon als kleiner Junge meine Eltern mit Geschichten unterhalten. Vielleicht auch genervt.“ Als er zum 18. Geburtstag eine Videokamera bekommt, zieht Hassenfratz los und dreht seine erste Doku. "In das Leben anderer hineingehen, ohne Voyeurismus“, das fasziniert ihn.

 

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