Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Memo Masters in Tuttlingen

zurück zur Übersicht

Es herrscht Stille im Raum. Bei der 21. Deutschen Gedächtnismeisterschaft sitzen 14 Teilnehmer an Tischen, viele haben Kopfhörer auf den Ohren, vor ihnen liegen Taschentücher, Hustenbonbons und Glücksbringer. Jeder der zwölf Männer und zwei Frauen hat einen Laptop vor sich, auf dem Fotos von Menschen zu sehen sind.

Bildliches Gedächtnis

Insgesamt sind es 125 Bilder und die Wettkämpfer müssen sich dazu die Vor- und Nachnamen merken. 15 Minuten haben sie Zeit, danach tauchen die Fotos wieder auf den Bildschirmen auf – allerdings in vertauschter Reihenfolge. Die Teilnehmer müssen die Namen den richtigen Bildern zuordnen

Aber wie funktioniert das eigentlich? "Das kommt auf die jeweilige Disziplin an“, sagt Bastian Wiederhold. Der 19-Jährige aus Ludwigsburg ist zum vierten Mal bei der Meisterschaft dabei, die dieses Jahr in Tuttlingen ausgetragen wird. Im Grunde gehe es darum, die Informationen in Bilder zu verwandeln, sagt er.

Dafür wendet Wiederhold eine erprobte Taktik an: Wenn er sich die Zahlenreihe 124 738 merken will, teilt er sie in Gruppen mit drei Ziffern, für die er sich jeweils ein Bild gemerkt hat: In diesem Fall Tenor (124) und Karussell (738). "Dann habe ich einen Opernsänger, der auf einem Karussell im Kreis fährt.“ Rund 1000 Bilder hat Wiederhold auf diese Weise im Kopf gespeichert, die er dann zu Geschichten zusammensetzt.

Ansporn durch Film

Zum Gedächtnissport kam der 19-Jährige durch einen Hollywoodfilm: In "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“ lernt die Hauptfigur mehrere Hundert Nachkommastellen der Kreiszahl auswendig. Wiederhold versucht es ebenfalls und prägt sich innerhalb von zwei Wochen 200 Nachkommastellen ein. Der Ehrgeiz des Studenten ist geweckt. Der 19-Jährige liest ein Buch über den Gedächtnissport, entwickelt ein System, geht zu Wettkämpfen. Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr kommt er bei der Deutschen Meisterschaft in Magdeburg auf den dritten Platz.

Organisiert wird der Wettkampf von der Gesellschaft für Gedächtnis- und Kreativitätsförderung (GGK). Dessen Gründer und Geschäftsführer Klaus Kolb nahm 1995 als erster deutscher Teilnehmer bei den World Memory Championships teil. "Die Idee habe ich mit nach Deutschland gebracht“, sagt der Gedächtnissportler. 1997 gab es die ersten Deutschen Gedächtnismeisterschaften, die heute unter dem Namen "Memo Masters“ laufen. 

Gestiegene Leistungen

Die Konkurrenz in Tuttlingen ist stark: Unter den Teilnehmern ist mit Simon Reinhard nicht nur der Vorjahressieger, der sich in Magdeburg 1540 Zahlen nach 30 Minuten Einprägezeit merken konnte. Auch Johannes Mallow ist dabei, der amtierende Weltmeister, dessen Rekord derzeit bei 1600 Wörtern liegt. Die Leistungen der Teilnehmer seien über die Jahre gestiegen, sagt Klaus Kolb.

Bei der ersten Deutschen Meisterschaft hätten sich die Gedächtnissportler 390 Binärziffern in einer halben Stunde gemerkt, inzwischen seien es rund 4000. Im Gegensatz dazu müssten sich Menschen im Alltag immer weniger merken. "Die Leute werden nicht mehr gefordert.“ Dabei könne Gedächtnistraining helfen, das Gehirn profitiere nachweislich von einem Training.

Verbesserung des Gehirns

Das sagt auch der Neurowissenschaftler Boris Konrad, der selbst mehrfacher Weltmeister im Gedächtnissport ist und in Tuttlingen ebenfalls an den Start geht. 2014 promovierte er am Max Planck Institut für Psychiatrie in München über die neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen. Seither forscht er auf dem Gebiet. Untersuchungen hätten gezeigt, dass durch das Gedächtnistraining Verbindungen im Gehirn verändert worden seien, sagt er. 

Zudem könne man die Techniken, die man beim Gedächtnissport lerne, auf andere Bereiche übertragen. Er selbst sei ein gutes Beispiel dafür, sagt Konrad. "In der Schule war ich immer ganz okay. Vor dem Studium habe ich mit dem Gedächtnissport angefangen: An der Uni habe ich dann zwei Diplomstudiengänge in der Zeit von einem absolviert.“

 

 

Galerien

Regionale Events

Nightshopping

Am 29. Oktober öffnen die Heilbronner Geschäfte bis 22 Uhr ihre Türen.