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Analyse zur Europawahl

Übersicht
Wie viele Informationen stellen die großen Parteien interessierten Bürgern zur Europawahl am 26. Mai zur Verfügung? Genau das wollte ich wissen! Ich schrieb also am 16. April, nur mit jeweils geänderter Anrede, die gleiche E-Mail an die SPD, die CDU, die Grünen, die FDP, die Linke sowie die AfD.

Undercover

Ich bat jeweils um Material zur Europawahl und nannte meine Postanschrift. In der E-Mail bezeichnete ich mich zwar als Schüler, verzichtete aber bewusst darauf, mein genaues Alter zu nennen. Ich wollte vermeiden, dass die Parteien mir nichts schicken, weil ich mit 16 Jahren noch nicht an der Europawahl teilnehmen darf.
 
Von allen Parteien schickte mir die SPD schon wenige Tage später einige Flyer, Infokärtchen und das Europawahlprogramm mit knapp 70 Seiten Umfang zu. Ich fand die Unterlagen schon recht informativ und ausführlich, fragte mich aber, warum keine Informationen zur Partizipation oder zu irgendwelchen Social-Media-Aktionen beinhaltet waren. Beides hätte ich für eine Wahlkampagne im Jahr 2019 durchaus angebracht gefunden.

Ins Fettnäpfchen

Als nächste Parteien folgten in relativ kurzem zeitlichen Abstand voneinander, fast Tag für Tag vom 20. bis 24. April, die Materialien der Grünen, der Linken sowie der CDU und der AfD. An dieser Stelle: Liebe Grüne, meinen Namen schreibt man wirklich ohne "r“, ich habe mich in meiner Mail und bei meinen Kontaktdaten sicherlich nicht viermal verschrieben. Und, hallo AfD, ich bin Herr Las Rabaty und nicht Frau Las Rabaty, aber man kann ja mal die Angabe im Kontaktformular übersehen.
 
Von den eben genannten Parteien fand ich das „Paket“ der CDU am magersten. Lediglich das 26-seitige Europawahlprogramm – keine Aufkleber, keine themenspezifischen Flyer, noch nicht einmal ein Brief. Reicht als Informationsquelle aus, aber nicht wirklich als Materialpaket.
 
Im Vergleich zur CDU hat sich die Linke wirklich übertroffen: ein Sticker-Set, eine Packung Blumensamen, mehrere Info-Flyer, zwei ausführliche Wahlprogramme und eine Zehn-Punkte-Zusammenfassung des eigenen Programms zum Verteilen. Ich kann jetzt schon sagen, dass das Paket der Linken das umfangreichste und informativste war. Auch wenn mir hier ebenfalls die Verbindung zur Jugend und zu den sozialen Medien ein wenig fehlte.

Überraschungen

Die Grünen hingegen haben ein besonders ausführliches Europawahlprogramm mit 195 Seiten Umfang. Man kann das übertrieben finden, aber das fand ich im Gegensatz zu gewissen 25-Seiten-Europawahlprogrammen durchaus besser, da sie sehr ausführlich auf ihre Punkte eingehen und diese praktisch erläutern. Mit dabei waren weiterhin eine Packung Blumensamen und ein Leporello, der als wirklich kurz gehaltene Zusammenfassung des Parteiprogrammes dient.
 
Die AfD hatte ein eher größeres Paket, mit dem 88-seitigen Europawahlprogramm, einem Info-Flyer und einem größeren Aufkleber geschickt. Dass direkt ein Formular zum Eintritt in die Partei enthalten war, mag vielleicht Interessierten gut vorkommen, ist aber in meinen Augen letztlich ein wenig penetrant für eine reine Materialanfrage.
 
Zeitlich betrachtet kamen als letztes die Materialien der FDP an, die mit einem Flyer, einer Visitenkarte, einem Infokärtchen für die Liberale Hochschulbewegung und einer Postkarte mit einem Sticker im Stil eines Instagram-Posts aufwartete.

Gemischte Gefühle

Letzteres ist ein kreatives Gimmick und so ziemlich das einzige Material aller Parteien, das einen direkten Bezug zu Social Media herstellt. Allerdings hat es mich wirklich verwundert, dass die Liberalen kein Parteiprogramm mitverschickt haben, lediglich ein etwas ausführlicher Info-Flyer zur Kandidatin Nicola Beer war enthalten.
 
Zusammenfassend fällt mir eine Sache besonders auf: Die PR-Abteilungen der Parteien laufen auf Hochtouren. Klar, ich habe viele Informationen bekommen (bei manchen eigentlich eher weniger), aber ich sehe immer noch einen Plakat-Kauderwelsch an inhaltsleeren Slogans. Mir kommt es so vor, als gäbe es immer wieder aufs Neue ein "Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Zusammenhalt“-Roulette, nach dem dann der Slogan für die anstehende Wahl ausgewählt wird. Wo bleibt das aktive Eingehen auf Bürgerwünsche? Warum sehe ich kaum eine Implementierung von sozialen Medien bei meiner Anfrage?

Nähe zum Volk

Welche Partei schafft es, nicht nur inhaltsleere Phrasen auf DIN A4 zu klatschen, sondern auch für richtige Forderungen einzustehen und diese nach bestem Wissen und Gewissen durchzusetzen? Solche Fragen sollten nach meiner Anfrage für mich persönlich eigentlich geklärt sein. Das sind sie aber nicht. Die Politik sollte versuchen, aktiv und entgegenkommend die Bürger zu animieren, statt mit inhaltsbefreiten Phrasen herumzuwerfen.
 
Denn letztlich geht es mir bei dieser Europawahl darum: Wir brauchen Parteien, die verantwortungsvoll und weit weg von der politischen Trägheit dafür einstehen, dass Europa und die EU weiter Bestand haben. Nicht nur, damit wir alle schöne Reisevorteile haben und der freie Handel zwischen den Staaten weiter florieren kann, sondern damit auch jeder in Europa versteht, dass die Union und unser Frieden nicht selbstverständlich sind. Denn das, was Europa weiter zusammenhält und gegen jede populistische und extreme Strömung antritt, das sind weiterhin wir, die Bürger in der EU.
 
 

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