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Ex-Häftling klagt System hinter Gittern an

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Er hat fünfeinhalb Jahre unter anderem im Heilbronner Gefängnis gesessen und noch in der Haftzeit in Mannheim heimlich ein Buchprojekt gestartet. Jetzt ist Arian Davin – aus Schutzgründen ein Künstlername – seit Juni auf Bewährung draußen. Und schon hat ein Verlag sein Manuskript als Buch herausgebracht. In "8 Quadratmeter" beschreibt er seine Erlebnisse in den Haftanstalten. Es wird eine Anklage vor allem gegen das System – weil nach seinen Erfahrungen Korruption und Machtmissbrauch in deutschen Gefängnissen zur Tagesordnung gehörten. 

Ein Häftling, der sich zum Schriftsteller wandelt? Wie wahr die subjektiven Schilderungen sind, ist kaum überprüfbar. Doch wenn der 38-Jährige, der 1991 mit der Familie nach dem Golfkrieg aus dem Iran floh, im Vorwort von einer Mission schreibt, macht das hellhörig. Wenn das Buch "nur einen potenziellen Drogenkonsumenten davon abhält, der Sucht zu verfallen", wenn es nur einen an der Schwelle zur Kriminalität vor dem Knast bewahre und "nur einen Gefängnisdirektor anhält, auch seine Angestellten hinsichtlich ihrer Gesinnung zu überprüfen, hat sich die Arbeit gelohnt", steht da.

Verprügelt

Davin wächst mit Gewalt auf. Im Gespräch mit der Stimme berichtet er ruhig von Prügeln und Extremstrafen wie Aufhängen an den Füßen durch seinen gewalttätigen Vater. Nach der Mittleren Reife gründete Davin eine Firma, um mit jungen Musikern CDs aufzunehmen und Videos zu produzieren. Schulden wuchsen. Da griff er schon zu Marihuana und Kokain, um als Außenseiter in der Gemeinschaft der Einheimischen dazuzugehören. Die Idee, Hanf in einer Halle anzubauen, flog bei der dritten Ernte auf. Durch Zufall geriet er ins Visier der Fahnder, er wurde lange observiert, dann verhaftet. Beim Urteil fiel er aus allen Wolken: acht Jahre Haft. 

Seinen Drogenkonsum geißelt er als brutale Selbsttäuschung. Was im Buch die tiefste Wirkung entfaltet, sind seine Schilderungen vom Leben hinter Gittern. Er kam in Mannheim als Erstverbüßer zu einem Mörder in die Zelle, der ihm erzählte, dass er seine Tochter zerstückelt habe – weil sie einen Deutschen zum Freund hatte. Er spricht von einem Alptraum, Abscheu und Ekel, von Kakerlaken in der Zelle und seinem Versuch, durch eine vorgetäuschte Gewaltattacke verlegt zu werden.

Der Autor beschreibt die Mehrzahl der Vollzugsbeamten sehr kritisch. Er spricht von Machtmissbrauch, wenn die Bitte um ein Antragsformular mit "keine Zeit" abgelehnt wird, obwohl der Beamte am PC spiele. Er redet von Korruption, wenn ein Beamter ein Handy für einen Straftäter für 500 Euro ins Haftgebäude schmuggele – und vom Wegsehen vieler Beamter, wenn im Knast der Drogenverkauf floriere. Es gebe viele Häftlinge, die von den Drogen zerstört würden. Und Beamte duldeten es – weil man sich "Ärger vom Hals" halte. Für ihn ein katastrophaler Missstand – alles andere als Resozialisierung. Und wenn man im Knast arbeite und am Monatsende 50, 60 Euro übrig blieben, sei das kein Signal, dass sich Arbeit lohne.
Vom Drogenschmuggel einiger Beamter ins Heilbronner Gefängnis wusste er, sagt Davin. Er habe sich rausgehalten. Er bemängelt generell, dass die wenigen Bediensteten zu schlecht bezahlt würden – und sich teilweise mit den Bossen der Kriminellen gut stellten, auch mal Übergriffe deckten. Er fordert, dass Beamte "besser geschult werden müssen, um richtig zu reagieren".

Neuer Job

Jetzt hat Davin über Zeitarbeit einen Job in einer Automobilfirma gefunden, lebt in einer 18-Quadratmeter-Wohnung in Heilbronn. Er sei nach fünfeinhalb Jahren Haft noch nicht richtig angekommen. Aber: Die Rückmeldung eines jungen Heidelbergers hat ihn stark berührt. "Ich will niemals in den Knast und nehme meine Bewährung jetzt noch ernster", postete der nach Lektüre des Buches. Davin: "Da wusste ich, ich habe mein Ziel erreicht." 

 

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