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Das Leben im Wellblechverschlag

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Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Eine schüchterne, bildhübsche junge Frau mit strahlend weißen Zähnen steht auf einer Brücke, doch die Umgebung will ganz und gar nicht zu der lächelnden 19-Jährigen passen. Unter dem nur wenige Meter langen Holzbauwerk treibt ein siechender Fluss dahin. Eigentlich ist es mehr eine Kloake. Hier sammelt sich das Abwasser aus Tausenden Haushalten. Eine Kläranlage gibt es nicht. Auch keine Kanalisation. Und am Flussufer wächst ein Berg aus Müll in die Höhe. Wir sind an einem menschenunwürdigen Ort. Und doch leben verdammt viele hier. 

Mathare ist der zweitgrößte Slum in Nairobi. Eine halbe Million Menschen leben hier. Um Wasser in ihre winzigen Wellblechverschläge zu bekommen, müssen sie fünf bis zehn Minuten laufen und es sich von einem großen Wassertank besorgen – und selbstverständlich bezahlen. Mathare ist ein Labyrinth aus zahllosen schmalen Gassen in diesem Wellblechhütten-Wald. Entenfamilien und Hühner picken nach fressbarem Müll, und dort, wo sich die Gassen zu Straßen ausdehnen, bieten Straßenhändler ihre wenigen Waren an. Mathare ist ein lebendiger Menschenfluss. Vor allem: Kinder, Kinder, Kinder. Hier bekommt man eine Vorstellung davon, dass 40 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre sind. Das Leben spielt sich draußen ab.

Zwölf Quadratmeter

Candy Beverline Awuor kennt das nicht anders. Sie ist hier aufgewachsen. "Ich bin nicht zufrieden hier. Irgendwann möchte ich mein eigenes Geld verdienen und dem Slum den Rücken kehren." Candy lebt mit ihren Eltern und ihren drei Geschwistern in einem dieser Wellblechlöcher. Hier, im zentralen Lebensraum der Familie, geht es eng zu. Ein über eine Wäscheleine unter der Decke gehängter Vorhang trennt das elterliche Bett von dem Wohnraum, der mit zwei Sofas, einem Sessel und einem Tisch in der Mitte ausgefüllt ist. Der gesamte Raum ist knapp zwölf Quadratmeter groß. In den Ecken stapelt sich alles, was die Familie sonst noch besitzt. Ein Schrank, ein Fernseher, Wäsche, Lebensmittel. Toiletten sind wie die Wasserstellen außerhalb. Und auch dafür müssen die Familien zahlen. Einen Kühlschrank gibt es nicht. Lagerhaltung ist Luxus. Im vergangenen Dezember hat ihr Vater einen zweiten Verschlag in der Nähe angemietet, in dem die vier Geschwister nun schlafen und weiteres Hab und Gut der Familie verstaut ist. 

Regen

Wenn es heftig regnet, fließt das Wasser in den Verschlag und an die auf dem Boden liegenden Matratzen, auf denen die Kinder schlafen. Diese werden nass und die Menschen krank. Die Lebenserwartung in den Slums liegt deutlich niedriger als im Landesdurchschnitt, der bei 64,7 Jahren liegt. Hier wird man in der Regel nur knapp über 40
Candy hat vor einem Jahr ihren High-School-Abschluss gemacht. Der ist mit dem Abitur vergleichbar. Aber ihr Zeugnis bekommt sie nicht ausgehändigt, weil ihr Vater die Schulgebühren noch nicht komplett bezahlt hat. 9000 Kenia-Schilling, umgerechnet rund 80 Euro, stehen noch aus.

Candy ist eine etwas schüchterne, zierliche junge Frau, die gerne tanzt. Bei einer solchen Gelegenheit ist sie 2016 von Winfred Akanyi entdeckt worden. Die 41-Jährige ist in Kibera, dem mit einer Million Menschen größten Slum der kenianischen Hauptstadt, aufgewachsen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des Hope Theatre Nairobi, das seit zehn Jahren existiert und inzwischen kontinuierlich in Deutschland, auch im Stadt- und Landkreis Heilbronn Station macht und Workshops anbietet. Die Künstlergruppe trainiert in einer Theaterwerkstatt in Mathare und bildet ihren eigenen Nachwuchs aus. Zahlen müssen sie nicht dafür.
Candy hat 2016 bei den Juniors angefangen und ist nun zu den Senioren aufgestiegen. "Ich wollte nach meiner Schulzeit nicht nur rumhängen, und da bot sich das Hope Theatre an."
"Candy lernt schnell, macht große Fortschritte und ist täglich im Training, fehlt nur, wenn sie krank ist", sagt Winfred Akanyi. Bei der anstehenden Deutschland-Tour ab Mitte September ist die junge Frau mit dabei und jetzt schon ziemlich aufgeregt.

Friseurin

Um Geld zu verdienen, möchte Candy Friseurin werden. "Ich liebe es, den Leuten ihre Haare zu machen.“ Ihre Mutter verdient ein wenig Geld als Wäscherin. Ihr Vater ist Lehrer in einer aus Eigeninitiative entstandenen Slum-Schule. "Meine größte Herausforderung ist es, meine Kinder zu fördern", erzählt Dan Omondi Owiti. Doch die Kinder verstehen nicht, dass für sie nicht immer Geld da ist und sie häufig verzichten müssen, erzählt der 47-Jährige
Dan Owiti lebt schon seit 20 Jahren hier, weil die Miete bezahlbar ist. Er ist stolz auf seine Kinder, vor allem auf sein ältestes – Candy. Und er hat einen Traum. Irgendwann möchte er in Runda leben. Einem Stadtteil, in dem die "upper class" von Nairobi wohnt, wo es richtige Häuser und grüne Lungen mit guter Luft gibt. All das, was Mathare nicht zu bieten hat.

 

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