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Am Ende ergibt alles einen Gin

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Orangenaroma und der Duft von feinen Gewürzen liegen in der Luft. Noch bevor es mit dem Moonshine-Gin richtig losgeht, müssen Jennifer Martin und Adrian Klein ordentlich schöpfen. 100 Liter Neutralalkohol mit 96,4 Prozent wandern durch das Mannloch in die Destillationsanlage von Armin Englert. Das junge Paar aus der Nähe von Göppingen ist fest entschlossen, in seiner Brennerei dem Geheimnis eines guten Gins auf den Grund zu gehen. Der Gundelsheimer Brennereibesitzer erklärt: „Eine alte Gin-Regel lautet: Two nights, one day.“ So lange mindestens setzt er die Mischung vorher an, damit alle Aromen zum Tragen kommen können. 

Würzig, blumig und "crisp"

„Sie enthält laut Gesetz Neutralalkohol landwirtschaftlichen Ursprungs mit einer deutlichen Wachholdernote.“ Hinzu kommen je nach Herzenslust die „Botanicals“. Zitrusbetont, würzig dank Kräutern wie Rosmarin oder Thymian, blumig mit Blüten von Holunder oder Lavendel und sogar „crisp“ mit Pfeffer oder Kardamom sind möglich. 

Die Liste der Gin-Aromen ist nahezu unendlich. Wachholder, Koriandersamen, Orange, Piment und ein bisschen Hopfen aus Höchstberg hat sich das Paar ausgesucht. Der 20-Liter-Ansatz, das sogenannte Mazerat, befindet sich bereits in der Brennblase und auch der Dampfkessel ist mit Holzscheiten angeheizt. Heißer Dampf entsteht, der über ein Rohr in die Brennblase geleitet wird.

Dann geht es los. Armin Englert dreht den Absperrhahn auf und die Destillationsanlage beginnt zu arbeiten. Es zischt und dampft, die Spirituose namens „Moonshine-Gin“ entsteht. Nicht wie früher in den Everglades in Florida, als Händler die Indianer mit mitternächtlich schwarz gebranntem Schnaps, dem „Moonshine“, versorgten. Sondern legal mit Brennlizenz.

Der Siedevorgang 

Der Dampf sorgt dafür, dass das Alkohol-Mazerat-Gemisch erhitzt wird. Als Alkoholdampf steigt er in der Verstärkerkolonne mit mehreren Destillierbögen nach oben. Jedes Mal findet ein weiterer Siedevorgang mit zusätzlicher Alkoholanreicherung statt, bis der Dampf schließlich im Dephlegmator ankommt. Er wird heruntergekühlt und wieder flüssig, läuft über das „Geistrohr“ und im Messbecher unter dem Auslauf beginnt es zu tröpfeln. Die Freude währt kurz: „Das ist der Vorlauf“, macht er klar und stellt den Becher beiseite.

Das Vorprodukt ist ebenso unerwünscht wie der Nachlauf, der mit breiten buttrigen Fuselaromen wie zu lang gezogener Tee schmeckt und Kopfschmerzen verursacht. Gewollt ist der Mittellauf mit dem vollen Geschmack der Botanicals. Mal schmeckt man deutlich den Wacholder heraus, an anderer Stelle kämpft sich der Hopfen geschmacklich nach oben, dann das Orangenaroma. „Diesen Prozess muss man langsam durchführen“, erläutert Englert. „Optimal ist eine Geschwindigkeit von sechs Litern die Stunde.“

Von süß bis herzhaft 

Um die Wartezeit zu überbrücken, dürfen sich die Teilnehmer durch Quittenbrand, Schlehengeist und verschiedenste Gin-Geschmacksrichtungen aus seinem Repertoire probieren: süßlich-aromatischer Tabak-Gin, würziger Salbei-Gin oder herzhafter Kaffee-Gin. Das bringt Adrian Klein auf eine Idee: Rindenmulch-Gin. Englert ist nicht abgeneigt: „So ist schon manche Kreation entstanden.“ 

Am Ende bleiben 20 Liter Destillat mit einem Alkoholgehalt von 85 Prozent übrig. Um den Gin auf 45-prozentige Trinkstärke zu bringen, verdünnt ihn Armin Englert mit entmineralisiertem Wasser. Zwei Flaschen füllt er für das Göppinger Paar ab, das sich schon freut, den selbstgebrannten Gin mit Freunden zu genießen. Immer im Bewusstsein, wie es auf Armin Englerts T-Shirt steht: „Und am Ende ergibt alles einen Gin.“

Langes Traditionshandwerk

Seit 1926 besteht die Brennerei in der Steinbachgasse 5 mitten in der Gundelsheimer Altstadt. 2005 hat der gelernte Sozialpädagoge Armin Englert, der als Kind direkt gegenüber wohnte und sich schon damals
vom Traditionshandwerk begeistern ließ, sie von Paul Clauß übernommen. Neben Gin entstehen dort insbesondere verschiedene Liköre, Obstbrände sowie Kürbis- und Schlehengeist. Darüber hinaus ist er mit seinem Apfel-Saftmobil unterwegs, das es Kunden ermöglicht, ihren eigenen Saft zu pressen und im Bag-in-Box-System abzufüllen. Außerdem bietet er zwischen dem Ende des Bad Rappenauer Glühweinmarkts und dem Sommer verschiedenste Erlebnistouren und Workshops an.

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