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Leben in der Gemeinschaft

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Mit Beginn des Studiums oder dem ersten Job kommt für viele die Entscheidung: Wie möchte ich wohnen? Wer keine Lust hat, allein zu leben und Geld sparen möchte, entscheidet sich oft für eine WG. Doch auch dann steht man vor der Überlegung, was für eine Art von Wohngemeinschaft es denn sein soll: das klassische Studentenwohnheim? Mit Freunden eine WG gründen? Und mit wie vielen Menschen möchte ich überhaupt zusammenleben? Wir stellen euch zwei WGs vor, die nicht dem klassischen Bild entsprechen.

Die Inklusions-WG -Freizeit und Arbeiten in einem

Hey Max, gehen wir nachher ein Eis essen?“, fragt Simon Sandrisser seinen Mitbewohner Max Buck. Die beiden leben zusammen in einer Sechser-WG. Sie kochen abends gemeinsam, schauen zusammen Filme oder gehen am Wochenende in eine Bar. Wie in jeder anderen Wohngemeinschaft auch. Nur nicht ganz, denn die beiden sind Bewohner einer der insgesamt sechs WGs, welche die Offenen Hilfen Heilbronn derzeit betreiben. Ziel ist es, dass Menschen mit Behinderung und Menschen ohne Behinderung gemeinsam ihren Alltag bestreiten. Eigentlich ein simples Konzept: Die Studenten sind geringfügig, für 24 Stunden im Monat, bei den Offenen Hilfen beschäftigt, dafür bezahlen sie weniger Miete. „Die Kosten sind aber nur ein Punkt, warum ich hier wohne“, erzählt Max Buck, der an der FH Verfahrens- und Umwelttechnik
studiert. Als er nach Heilbronn kam, zog er zunächst ins Studenten-Wohnheim. „Das war eine reine Zweck-WG. Es war nicht schön, die anderen waren nie da und wenn, dann hatten wir kaum Kontakt.“

Gut fürs Herz

Ganz anders läuft es nun hier am Südbahnhof, erzählt er: „Wir genießen gemeinsam den Alltag.“ Wir, das sind Klienten und Studierende. „Uns ist bis jetzt noch kein anderes

Wort für Studenten eingefallen“, erklärt Nadine Leyb, die für die Belange der Studis zuständig ist. „Dabei sind nicht alle hier Studenten“, erklärt sie. So wie Muhammed Sabreen: Der Fachlehrer für Sport und Gymnastik kommt aus Syrien und ist inzwischen seit fünf Jahren in Heilbronn. Er lebt in einem der Einzel-Apartments, die an WGs angegliedert sind – in seinem Fall an eine WG mit acht Bewohnern. „Es ist gut fürs Herz, hier zu leben“, findet er. „Wir machen so viel gemeinsam und es fühlt sich an wie eine Familie.“

„Viele haben das Inklusive Wohnen nicht auf dem Schirm“, ist sich Katrin Hartmann, Teamleiterin des Projekts, sicher. Dabei bietet das Inklusive Wohnen viele Vorteile, darin sind sich alle einig. Etwa, dass das „Arbeiten“ hier ein Mix aus Freizeit und WG-Leben ist. „Einkaufen, auf der Couch lümmeln, in den Park gehen“, zählt Muhammed Sabreen auf, was die Bewohner gemeinsam machen. „Bei uns war im Sommer grillen und Biergarten total in“, erzählt Max Buck lächelnd. „Wir haben feste Stunden für feste Klienten, in denen wir etwa nach der Arbeit gemeinsam Abendessen.“ Um die Pflege müssen sich die Studis nicht kümmern, dafür gibt es Pflegepersonal. Doch ist das Leben hier auch nicht unbedingt für jeden was. „Man muss offen sein“, ist sich Max Buck sicher. „Das WG-Leben ist anders, es ist persönlicher“, sagt er, bevor er sich zu Simon umdreht und ihn fragt, ob sie nicht lieber morgen ein Eis essen gehen sollten.

Neun unter einem Dach

Friederike, Jens, Mario, Lisa, Diana, Felix, Arthur, Leo, Luz: Schon sich alle Namen zu merken, ist eine Herausforderung in dieser WG. Gleich neun Menschen
leben hier unter einem Dach. Lisa Schröder wohnt im unteren der drei Stockwerke im WG-Haus, heute hat sie Zitronenkuchen mitgebracht. „Allerdings nur mit einer Backmischung gemacht“, erklärt die 23-Jährige entschuldigend. Ihre fünf Mitbewohner, die gerade in der Küche im mittleren Stockwerk sitzen, stört das wenig. In der Küche spielt sich oft das Leben ab, sie wird gerne auch von der WG im Dachgeschoss
genutzt. „Wir haben oben nur eine ganz kleine Küche, die quasi auf dem Flur ist“, erklärt Mario Schultz. „Deshalb haben die uns hier in der Mitte aufgenommen“, ergänzt Friederike Sottek. „Unser Kühlschrank ist zwar oben, aber wir kochen meistens hier unten.“

Vom Grillen und Corona

Das Leben der Neun ist ganz unterschiedlich: Einige arbeiten Vollzeit, manche studieren, jeder hat andere Hobbys und Interessen. Probleme gibt es trotzdem selten, „wenn, dann wird darüber geredet“, erklärt Mario Schultz. Dass das keine Zweck-WG ist, merkt man schnell: Es wird viel gelacht, zahlreiche Geschichten erzählt, etwa über ehemalige Mitbewohner. Und davon gibt es einige. Diana De Almeida lebt am längsten in der WG und hat in den vier Jahren schon zahlreiche Mitbewohner erlebt, mit den meisten hat sie sich gut verstanden. Wie lang es die WG schon gibt, kann auch sie nicht genau sagen. „Mindestens schon seit sieben Jahren“, vermutet sie.

Auch wenn es selten vorkommt, dass alle Neun gemeinsam da sind – „außer wenn gegrillt wird“, so Jens Bulmann lächelnd – unternehmen die Mitbewohner doch oft was gemeinsam, nur eben nicht alle. „Brettspiele sind hoch im Kurs“, erklärt Friederike Sottek, „manche gehen gemeinsam Bouldern oder ins Fitness-Studio.“ Vor Corona ist die WG auch oft gemeinsam feiern gegangen, nicht zu vergessen die WG-Partys, die mindestens einmal im Jahr ein Fix-Termin sind. „Vor allem zu Lockdown-Zeiten war es wirklich ein Vorteil, hier zu wohnen“, findet Mario Schultz. Damals hat das WG-Haus regelmäßig perfekte Dinner veranstaltet. „Am Anfang war das ganz lässig, am Ende ist es etwas ausgeartet“, findet Felix Raab. „Da hat dann jeder drei Gänge gekocht.“ Aber die Lockdown-Monate haben die WG auf jeden Fall enger zusammengeschweißt, findet der 27-Jährige.

Alle sind sich einig, dass sie gerne hier leben – obwohl es natürlich manchmal Probleme gibt. „Es sind dieselben wie in jeder WG“, erklärt Friederike Sottek, manchmal funktioniere der Putzplan nicht so gut, zudem sei das Haus etwas hellhörig – aber sie sind sich auch einig, dass die Vorteile überwiegen. Und wenn die Kommunikation stimmt, funktioniert das Zusammenleben auch bei neun Menschen hervorragend.

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