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Mangel an Grippeimpfstoff sorgt für Frust 

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Drei Wochen lang hat Susanne Schiller dieselben Telefonnummern gewählt. Arzt. Apotheke. „Beide haben Tag für Tag gesagt, dass Impfstoff bestellt ist, aber sie nicht wissen, wann er eintrifft“, sagt die 72 Jahre alte Sontheimerin. Seit vielen Jahren lasse sie sich gegen Influenza impfen, zählt sich zur Risikogruppe älterer Menschen. Dann Erleichterung: „Am Donnerstag diese Woche hat mein Arzt angerufen und gesagt, dass ich zur Impfung vorbeikommen kann.“ 

Wie Susanne Schiller geht es derzeit vielen Menschen in der Region, die sich gegen Influenza impfen lassen wollen. Und das, wo sie doch nur einem Appell von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) von Mitte Oktober folgen: Gerade in der Corona-Pandemie sei die Grippeschutzimpfung wichtig, sagte der Minister. „Gleichzeitig eine größere Grippewelle und die Pandemie kann das Gesundheitssystem nur schwer verkraften.“

Ein Reizthema

Um die Nachfrage nicht zusätzlich anzuheizen, will sich eine Apotheke in Heilbronn erst gar nicht zum Thema Impfstoffmangel äußern. „Wir müssen so schon sehr vielen Menschen erklären, warum die Lage ist, wie sie ist“, sagt eine pharmazeutisch-technische Assistentin am Telefon.

Die Situation sei schwierig, bestätigt Pia Salzl. Zusammen mit ihrer Schwester Iris Salzl-Baur versorgt sie Menschen in der Apotheke am Eppinger Karlsplatz und in der Schäfer-Apotheke mit Medikamenten. „Es wollen sich viel mehr Menschen impfen lassen als früher“, sagt die Apothekerin. Einen kleinen Vorrat habe man noch. „Stand jetzt konnten wir alle beliefern, die Impfstoff bestellt haben. Doch wann es Nachschub gibt, wissen wir nicht.“ 

Aufwand ist groß

Auf die Lieferungen von Großhändlern warten auch Marion Henze und ihre Kolleginnen in der Apotheke im Neckarsulmer Einkaufszentrum. „Die Ärzte selbst bestellen, zusätzlich kommen noch Patienten mit Rezepten, die sich selbst auf die Suche machen“, sagt die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte. „Darauf sind wir nicht vorbereitet.“ Der Aufwand sei enorm – nicht nur an Zeit, die Notlage den Kunden zu erklären, sondern auch, sich nach Nachschub bei den Lieferanten und Herstellern umzuschauen. 

Aber der Gesundheitsminister hat doch gesagt, der Impfstoff reiche für alle – diesen Satz höre sie oft, sagt Dr. Elisabeth Schrödter. Sie ist Fachärztin für Allgemeinmedizin in Künzelsau. „Hinzu kommt, dass wir nicht wissen, wie lange wir wegen der steigenden Corona-Zahlen überhaupt noch in die Seniorenheime dürfen. Jetzt ist eine gute Impfzeit“, sagt die Ärztin. Einige Hundert Impfdosen habe man im Frühjahr bestellt. „Jetzt kommen mal 70 an, dann wieder 20. Solche Probleme hatten wir noch nie.“ 

Empfehlung ist richtig

Man habe mehr bestellt als sonst, und trotzdem gehe der Grippeimpfstoff jetzt aus, sagt Dr. Hans Ulrich Stechele. Der Kinderarzt ist Sprecher der Kinder- und Jugendärzte in Stadt und Landkreis Heilbronn. „Wir haben noch ein paar Impfdosen im Kühlschrank, aber es ist klar, dass das nicht für alle reichen wird, die ihre Kinder impfen lassen wollen.“ Die Empfehlung aus der Politik, sich impfen zu lassen, halte er prinzipiell für richtig. „Das setzt aber voraus, dass am Ende nicht diejenigen leer ausgehen, die die Impfung am dringendsten brauchen.“

Auf die Risiken der Impfstoffbestellung weist Eva Frien hin, sie ist Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. „Es ist sehr schwer abzuschätzen, wie viel Impfstoff am Ende tatsächlich benötigt wird“, sagt Frien. Die 17 Millionen Impfdosen, die die Ärzte in diesem Jahr bestellt hätten, bedeuteten für diese auch ein Risiko: 2019 orderten die Ärzte 16 Millionen Impfdosen, zum Einsatz seien aber nur 14 Millionen gekommen. „Für nicht verbrauchte Impfdosen werden sie von den Krankenkassen in Regress genommen. Niemand will auf Impfstoff sitzen bleiben, den er am Ende selbst bezahlen muss.“

Knappe Medikamente

Nicht nur Grippeimpfstoffe gehen in Arztpraxen und Apotheken zur Neige. So seien seit langem Impfstoffe gegen Pneumokokken knapp, sie verursachen die Mehrzahl aller bakteriellen Lungenentzündungen, wie die Künzelsauer Allgemeinmedizinerin Dr. Elisabeth Schrödter und Marion Henze von der Apotheke im Einkaufszentrum in Neckarsulm erläutern.

Außerdem bestehe ein Mangel an Medikamenten bei Bluthochdruck und Asthma, wie die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte ergänzt. ale

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