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Zwischen Alibi-Verhalten und existenzieller Angst

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Sie legen den Finger in die Wunde: „Wer spricht denn noch über die Klimakrise?“, hat die Hochschule Heilbronn eine Online-Ethiktagung mit Referenten überschrieben. Für Hochschulprofessor Roland Pfennig ist es wichtig, Studenten und Bürgern Rüstzeug zum Thema nachhaltige Entwicklung zu vermitteln. „Die Klimakrise ist eine existenzielle Krise, da sind sich nahezu alle Wissenschaftler einig“, erläutert der Ethikbeauftragte der Hochschule den Hintergrund. Dies habe Auswirkungen, auch auf die Psyche. Mit Erklärungsmodellen könne man Verständnis für Klima-Alarmisten und für Klimaskeptiker fördern.

Klimakrise wird zur psychologischen Herausforderung

„Wir beginnen die Klimakrise zu spüren, sie bedroht unsere Lebensgrundlage – was macht das mit uns?“, fragte die aus Hamburg zugeschaltete Psychologin und praktische Psychotherapeutin Katharina van Bronswijk. Sie verwies auf Hitze als Stressfbaktor, zunehmende Allergien, ein erhöhtes Aggressionspotenzial und eingeschränkte Leistungsfähigkeit als Folgen. Im schlimmsten Fall könne es zum „Verlust von Heimat kommen“ – wie bei den Inuit in der schmelzenden Arktis oder bei Opfern von verheerenden Hochwassern. Hilflosigkeit und Ängste nähmen zu.

Am Beispiel des Hurrikanes „Katrina“, der 2005 die US-Südostküste und New Orleans verwüstete, nannte sie Zahlen. Die Suizidrate habe sich nach dem verheerenden Naturereignis in der betroffenen Region verdoppelt, ein Sechstel der Menschen litt unter posttraumatischen Belastungen, fast 50 Prozent hatten Ängste oder Depressionen.

Ingenieure oder Gott werden es schon richten

Die Diskussion über Gegenstrategien zum Klimawandel, über sinnvolle oder nötige Verhaltensweisen von uns allen, nimmt eigentlich jeden in eine Mitverantwortung. Doch das Handeln greift kurz, es kommt zu wenig, auf vielen Ebenen. Warum? Van Bronswijk verweist auf Technikgläubigkeit, dass es Ingenieure oder auch Gott „schon richten werden“. Man warte erst mal ab, was andere tun, schiebe Probleme oder unangenehme Wahrheiten gern beiseite oder setze Alibi-Handlungen ein, die unterm Strich wenig bringen, aber das Gewissen beruhigen. Sie nennt Mülltrennung oder Spenden an Umweltverbände, so nach dem Motto: Das muss reichen.

Eine Balance zwischen Panik und Verdrängen wäre aus ihrer Sicht wichtig. Angst als gesunde Reaktion auf eine Bedrohung könne auch Kraft geben, sich mit Problemlösungen zu beschäftigen, sich mit anderen zu Gruppen zusammenzutun, den eigenen CO2-Abdruck beim Handeln und bei Gewohnheiten im Alltag zu überdenken: bei Energie, Ernährung, Mobilität, Konsum, Wohnen oder Bauen. Eine Krise könne auch eine Chance sein, Gemeinschaft zu stärken, etwas Positives zu erreichen. Ihr Rat: Ein realistischer Optimismus hilft.

Beim Nachhaltigkeitsmanagement der Stadt Heilbronn sieht Roland Pfennig Lücken in der Praxis. Einiges stocke noch in der Umsetzung. Eine angemessene personelle Ausstattung und Unterstützung „von oben“ sind für ihn nötige Bausteine.


Foto: Archiv/Gugau
Foto: privat

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