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Im Angesicht des Lockdowns

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Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie vor einem Jahr hat die 22-jährige Studentin Nethanja Sarah Mohan aus Weinsberg gleich zu Beginn deutlich gespürt . Gerade war sie im Rahmen ihres Lehramtsstudiums im Fach Kunst bei ihrem Auslandspraktikum im spanischen Bilbao. Dann kamen von einem Tag auf den anderen die Schließung der deutschen Schule und die Ausgangssperre. Mit dem umgebuchten letzten Flug konnte sie nach Deutschland und in ihre Heimatstadt Weinsberg zurückkehren. Die Kunstwerkstätten an der Universität in Gießen waren ebenfalls geschlossen. Das weitere Studium fand online zu Hause statt. „Ich konnte in den folgenden Wochen zusehen, wie sich das Leben im Städtle wandelte“ erzählt Nethanja Sarah Mohan.

Die plötzlichen Veränderungen in ihrem Leben, in der eigenen Familie und im Ort beschäftigten sie. Das Außenleben hat sich im Lockdown ins Private, also in die inneren Räume verlagert: „Mich interessierte, welche Auswirkungen das auf das Leben der Menschen hat und das in meinem Heimatort.“ Die Idee, genau darüber ihre künstlerisch-praktische Examensarbeit anzugehen, formte sich. „Ich wollte die Reduktion auf und den Rückzug der Menschen in die eigenen vier Wände mit der Kamera festhalten“, erklärt Nethanja Sarah Mohan.

Inspirationen

Inspiriert hat sie dazu die englische Fotografin Sophie Harris-Taylor, die Geschwisterbeziehungen beobachtete und bildhaft dokumentierte. Sie studierte den Fotozyklus von Ute Mahler über das „Zusammenleben“ in der DDR und war begeistert von Portraits des britischen Fotografen John Myers von Menschen aus seiner Straße. Nethanja Sarah Mohan nahm wie ihre Vorbilder natürliche Lichtquellen in den Fokus, um Familien, Ehepaare, Senioren und Einzelpersonen in ihrer authentischen Umgebung mit der Kameralinse zu erfassen. 

„Die meisten Weinsberger waren offen, als ich sie angesprochen und von meiner Arbeit erzählt habe“, berichtet sie. In den Interviews habe sie viel Sorge gehört. Da muss eine Mutter ihrem Kind erklären, dass der Spielplatz plötzlich gesperrt ist. Da haben Enkel Angst, dass die Großeltern angesteckt werden. „Man denkt nicht, dass es bei ihnen so tief geht“, meint Familie Börsch im Gespräch. Die Fotografien fangen den Blick der Eheleute vom Küchentisch weg hin zum Fenster ein. Es gibt einen lichtdurchfluteten Vorhang, dem sich eine Frau zuwendet. Ein Fensterkreuz ist der Hintergrund einer Familie mit zwei Kindern. Eine Leserin sitzt auf dem Sofa an der Wand.

Bunte Sehnsucht

Der Betrachter nimmt sowohl die Person als auch die Raumatmosphäre wahr. „Das Auge versucht, die dunklen Ecken des Raumes zu erkunden, aber es wird nicht alles erzählt“, beschreibt Mohan den künstlerischen Ausdruck. Durch die bewusst gewählte Schwarz-Weiß-Fotografie und den damit verbundenen nostalgischen Eindruck lasse sich die Sehnsucht nach der bunten Außenwelt erahnen, meint sie. Unter den Bildern fügen sich Zitate aus den Gesprächen ein. 

30 sensible schwarz-weiße Portraits sind entstanden. 15 davon wurden Ende vergangenen Jahres bei der Präsentation der Examensarbeit in der Uni Gießen ausgestellt. Nethanja Sarah Mohan reflektiert ihren künstlerischen und den persönlichen Prozess ihrer dreimonatigen Arbeit, die sie erfolgreich abschloss. „Ich habe dabei sehr viel gelernt“, zeigt sie sich dankbar.

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