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Wie Heilbronner Studierende die Pandemie erleben

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Das Studium sollte die beste Zeit im Leben sein. Wegen der Corona-Pandemie bleibt für Studierende jedoch mehr auf der Strecke als nur Partys. Sieben junge Menschen, die an der Hochschule Heilbronn und der DHBW Heilbronn studieren, berichten von ihrem Frust mit Online-Prüfungen, Geldknappheit oder mangelnder Motivation. 

Unpersönlich und fremd

„Vor Wochen haben meine Vorlesungen begonnen. Bisher war ich aber kein einziges Mal an der Hochschule. Stattdessen wohne ich noch daheim, 40 Kilometer von Heilbronn entfernt – das Umziehen hätte sich für mich in der Pandemiezeit einfach nicht gelohnt. Das erste Semester mit Online-Vorlesungen zu starten und den ganzen Tag allein vor dem Laptop zu sitzen, ist sehr demotivierend. Durch das Wegfallen der meisten Freizeitaktivitäten oder Studierendenprogramme fehlt mir der Ausgleich zum Lernen.  Momentan fühlt sich der Alltag ohne Nachtleben und Veranstaltungen äußerst monoton an. Meine Kommilitonen habe ich noch nicht getroffen, alles ist sehr unpersönlich und fremd. Ich hoffe, dass wir bald wieder an der Hochschule unterrichtet werden dürfen.“

Jülide Sakar, 18, erstes Semester Betriebswirtschaft–Interkulturelle Studien, Hochschule Heilbronn

Wut und Überforderung

„Gleich zu Beginn der Pandemie fiel mein Nebenjob in der Veranstaltungsbranche einfach weg, seit dem Lockdown dann auch meine Nebenjobs in der Gastronomie, mit denen ich mich finanziell über Wasser hielt. Ein paar Mal bekam ich die Überbrückungshilfe vom Studierendenwerk. Aber als meine Mutter mir einmal Geld für meine laufenden Kosten überwies, hieß es, ich hätte keinen Anspruch mehr auf den Zuschuss, obwohl sie mir das Geld nur geliehen hatte. Mich macht vieles bei der Handhabung der Pandemie wütend. Vor allem, dass uns Studenten nur wenig Verständnis entgegengebracht wird. Die Prüfungsverschiebungen überfordern mich. Ich habe das Gefühl, dass alles nur auf uns abgeladen wird. Wir haben schließlich schon viel Zeit ins Lernen investiert und können unser Wissen nicht mal zeigen. Vor allem in den Fremdsprachen ist es schwierig, nach mehreren Monaten des Nicht-Sprechens eine Prüfung abzulegen. Deshalb werden meine Leistungen sicher schlechter ausfallen als ohne Corona.“

Soraya Romdhane, 22, viertes Semester Tourismusmanagement, Hochschule Heilbronn

Mehr Unterstützung

„Uns wurde immer gesagt, dass sich an den Prüfungen nichts ändern würde, und dass sie auf keinen Fall digital stattfinden könnten. Im Januar wurden sie dann ins Sommersemester verschoben. Klar, dass wir uns dann von der Politik und der Hochschule nicht gehört fühlen. Den Verantwortlichen mangelt es an Flexibilität und Weitsicht. Am meisten trifft mich aber, dass unsere sozialen Kontakte während des Online-Semesters fast komplett wegfallen. Sonst habe ich immer gern in der Bibliothek und in Gruppen gelernt, und eigentlich sollte man sich im Studium auf das spätere Leben vorbereiten und Netzwerke knüpfen. Ich würde mir wünschen, dass Studierende mehr Unterstützung von der Politik bekommen, und bald wieder mehr Kontakte möglich sind. Ich sehe es als Charakterstärke, wenn wir trotz erschwerter Bedingungen unser Studium meistern.“

Jonas Reichardt, 21, viertes Semester Internationale Betriebswirtschaft, Hochschule Heilbronn

Verpasste Chancen

„Ich bin für mein Studium von Künzelsau nach Heilbronn gezogen, um das Studentenleben in vollen Zügen zu erleben. Was mir deshalb am meisten fehlt, sind meine Studienfreunde, die ich seit einem Jahr nicht mehr gesehen habe. Dabei lernt man im Studium eigentlich die Freunde fürs Leben kennen. Als Studierendensprecherin habe ich mich auch darauf gefreut, Partys zu organisieren. Die Online-Vorlesungen zu Hause am Bildschirm zu verfolgen und nachzuholen, fällt mir schwerer. In der Firma sehe ich zumindest einige Kollegen, weil wir dort die Abstände einhalten können. Eigentlich wäre ich Ostern 2020 für mein Auslandssemester für fünf Monate nach Singapur geflogen, doch kurz davor kam die Absage. Ich könnte mir vorstellen, dass das für mich nachteilig sein wird, gerade wenn ich für internationale Unternehmen arbeiten möchte – das sind alles verpasste Chancen. Positiv sehe ich, dass mein dualer Partner mir als IT-Unternehmen ein stabiles Umfeld bieten konnte und es keine negativen finanziellen Auswirkungen für mich gab. Und ich habe außerdem gelernt zu schätzen, was für mich vorher selbstverständlich war.“

Laura Harsch, 20, fünftes Semester BWL-Dienstleistungsmanagement, DHBW Heilbronn/Bechtle Neckarsulm

Die Corona-Generation

„Durch die Online-Vorlesungen geht der Zusammenhalt im Kurs verloren, und ich nehme weniger daraus mit. Mir fehlt eine Struktur im Alltag, sowie aus dem Haus zur Uni zu gehen, Studentenpartys zu feiern oder nach den Prüfungen mit Kommilitonen etwas essen oder trinken zu gehen. Seit einem Jahr bin ich im Homeoffice statt im Unternehmen. Dadurch fallen die spannenden Einblicke in manchen Abteilungen und die Kundenbesuche weg. Weil ich die Semester vor der Pandemie kenne, weiß ich, wie mein Studium eigentlich hätte verlaufen können. Stattdessen habe ich das Gefühl, dass mir etwas entgeht. Wir gelten als die Corona-Generation, die ihr Studium während der Pandemie absolviert hat. Immerhin kann man uns deshalb Fähigkeiten wie Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zuschreiben. Und es gibt diese Tage, an denen man vieles positiv sieht: Dass man sich auf das Wesentliche fokussiert, und auch mal in der Sonne draußen im Garten lernen kann.“ 

Cindy Wiedmann, 21, fünftes Semester BWL-Food-Management DHBW Heilbronn/Transgourmet Deutschland

Vorlesungen im Schlafanzug

„Die Umstellung von Präsenz auf Online dauerte eine Weile. Darunter litt auch die Kommunikation zwischen den Professoren und den Studierenden. Manche Kurse wurden schnell auf digital umgestellt, doch viele Dozierende stellten sich dem Onlineformat gegenüber quer. Einige Studierende finden es besser, dass die Vorlesungen aufgezeichnet und hochgeladen werden. Mir persönlich fehlt dadurch die Routine: Viele Aufzeichnungen werden unregelmäßig hochgeladen. Dann kommt man schnell in Verzug, die Online-Semester nachzuarbeiten. Mit der Zeit nahm meine Motivation deshalb immer weiter ab, mich morgens zurechtzumachen und mich vorbereitet vor den Laptop zu setzen. Stattdessen verfolge ich die Vorlesungen oft im Schlafanzug und nur mit halbem Ohr. Von den Internetproblemen fange ich gar nicht erst an.“

Ana-Lena Dold, 22, viertes Semester Tourismusmanagement, Hochschule Heilbronn

Wie ein echtes Studentenleben

„Zu Beginn meines Studiums im Oktober 2020 zog ich von Augsburg in ein Wohnheim in Heilbronn. Ich dachte, das wäre eine gute und günstige Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen. Stattdessen hatte ich eine Mitbewohnerin mit völlig anderen Interessen und war allein in einer neuen Stadt. Eine Woche nach Vorlesungsstart waren die Präsenzveranstaltungen wieder Geschichte, alle Ersti-Veranstaltungen wurden abgesagt. Lediglich ein Get-Together meines Studiengangs hat mir einen kleinen Einblick in das eigentlich aufregende Studentenleben gegeben. Dabei habe ich ein paar nette Leute kennengelernt, doch mehr wurde daraus leider nicht. Mein Umzug in eine Sechser-WG diesen März war dann ein Jackpot: Endlich habe ich Menschen um mich herum, mit denen ich sogar schon WG-Aktionen umgesetzt habe. Mein zweites Semester fühlt sich fast wie ein echtes Studentenleben an.“

Elena Turatus, 20, zweites Semester Restaurant- und Hotelmanagement Hochschule Heilbronn

Die Überbrückungshilfe für Studierende

Die Überbrückungshilfe ist ein Element des Unterstützungspakts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Seit Juni 2020 können Studierende diese Unterstützung beantragen, wenn sie während ihres Studiums – zum Beispiel durch einen weggebrochenen Nebenjob – nachweislich in eine finanzielle Schieflage geraten sind. Ein weiteres Element der Überbrückungshilfe ist, dass der Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), bei dem Studierende monatlich bis zu 650 Euro für ihre Lebenshaltungskosten finanziert bekommen können, bis Ende dieses Jahres zinslos bleibt. 

Seit dem Beginn des Förderprogramms im Juni 2020 wurden deutschlandweit mehr als 460 000 Anträge auf die Überbrückungshilfen gestellt. Davon wurden 300 000 Anträge bewilligt. In Baden-Württemberg waren es insgesamt 43766 Anträge, von denen 29 530 positiv beschieden wurden, teilt das Deutsche Studentenwerk (DSW) auf Nachfrage von Stimmt! mit.

Bundesweit wurden rund 135 Millionen Euro Corona-Nothilfen an Studierende ausgeschüttet, davon rund 13 Millionen Euro in Baden-Württemberg. Die Antragsbearbeitung wickeln die regional zuständigen Studierenden- oder Studentenwerke ab. Einen Antrag auf einen Zuschuss kann stellen, wer nicht Bafög-berechtigt ist, an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule immatrikuliert ist und bei Antragstellung nicht mehr als 500 Euro auf dem Konto hat. Gezahlt werden monatlich zwischen 100 und 500 Euro – das Geld muss nicht zurückgezahlt, aber jeden Monat neu beantragt werden. Studierende, die Bafög-berechtigt sind, die Leistung aber noch nicht beziehen, sollten den Antrag stellen, erinnerte
Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.

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