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Wie ist es, ohne Krieg zu leben, Nemat?

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„Ich bin in einer sehr glücklichen Familie aufgewachsen“, schreibt Nemat B. in seinem Buch „Emigriert und integriert“. Und trotzdem haben ihn die Umstände zur Flucht aus seiner Heimat Afghanistan gezwungen: „Wir mussten unser Land verlassen, ein neues Zuhause suchen.“ Ihm und seiner kleinen Schwester ist das gelungen, dem Rest seiner Familie noch nicht. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“, sagt der 20-Jährige, der Angst um das Leben seines Vaters hat, der mit zwei von Nemats Schwestern seit Monaten an der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien festhängt. Völlig ungewiss ist das Schicksal der Mutter und weiterer Geschwister. „Meine Mutter soll in Sicherheit bei mir leben“, sagt Nemat, der aus Sorge um seine Familie und sich selbst nicht seinen vollen Namen veröffentlicht wissen will.

Taliban

Die Taliban, so fürchtet Nemat, könnten ihn auch in Deutschland, im Hohenlohekreis, aufspüren. Sie waren es, die erst seinen Vater, dann ihn in ihren Dienst pressen und in den Djihad, den heiligen Krieg, schicken wollten. 2012 hat das angefangen. „Ich war ein Kind, bin zur Schule gegangen, wir waren glücklich, mein Papa und mein Opa hatten eine Landwirtschaft.“ Bis Männer mit langen Bärten auf einem Motorrad ins Dorf kamen und seinen Vater zwingen wollten, mit ihnen zu gehen. „Ich will in Frieden leben, ich will keinen Krieg“, habe sein Vater gesagt, erinnert sich Nemat. Später sei der Vater von den Taliban als „letzte Warnung“ geschlagen worden. „Wir werden dich töten“, drohten sie. Der Vater floh aus dem Heimatdorf, nun rückte Nemat ins Visier. „Sie wollten mich nach Pakistan auf eine Schule für den Djihad schicken“, sagt er.

„Ich will in Frieden leben, ich will keinen Krieg." - Nemats Vater

Ein Freund der Familie brachte ihn zu seinem Vater, der inzwischen für die Amerikaner arbeitete und Benzin für sie transportierte, später auch mit eigenen Lastwagen. Bei einem dieser Transporte erlebte Nemat einen Terrorangriff mit Raketen und Schusswaffen. „Ich habe gesehen, wie Menschen umgebracht worden sind“, sagt er. Als schließlich die ganze Familie nach Kabul fliehen wollte, machten die Taliban einen Teil ihrer Drohung wahr. Eine Explosion zerstörte das Haus, das Dach stürzte ein, Nemat wurde schwer verletzt. „Ich wurde fünfmal operiert, die Ärzte wollten meinen Fuß amputieren“, was dann zum Glück doch vermieden werden konnte. Da war schon ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt, monatelang waren sie ohne feste Unterkunft auf der Flucht. Sein Vater habe ihn dann in Richtung Europa losgeschickt. „Dann ist zumindest einer in Sicherheit.“

Nemat war 15, hatte einen Rucksack, ein paar Kleider, darin eingenähtes Geld. Von der Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan sollte es mit bezahlten Schleppern bis Istanbul gehen. Nach ein paar Tagen nahmen Männer mit Pistolen und Messern Nemat alles weg, nur sein Geld fanden sie nicht. „Ich habe mal neun Tage lang nichts gegessen, nur Schnee“, berichtet er über den langen Fußmarsch durch den Iran. Später ging es mit dem Boot aus der Türkei zur griechischen Insel Kos, über Mazedonien, Serbien und Kroatien erst nach Österreich, dann nach Deutschland. Nach kurzen Stationen in München, Fulda und Heidelberg ist Nemat im Hohenlohekreis gelandet. 2017 hat er seinen Hauptschulabschluss mit 1,8 gemacht, inzwischen eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Als Fuhrparkmanager arbeitet er für eine hiesige Firma. „Ich bin sehr glücklich dort“, sagt er, hat aber auch noch Pläne. Er möchte studieren, Wirtschaftsingenieurwesen, „ich will mich entwickeln“.

Hoffnung

Bleibt die Sorge um die Familie, die sich 2019 auf den Weg gemacht hat, getrennt wurde. Die zehnjährige Schwester wurde von anderen Menschen mit nach Deutschland genommen. Der Vater und zwei Schwestern stecken seit Monaten an der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien fest, werden von Soldaten immer wieder daran gehindert, weiter zu kommen. „Sie wurden geschlagen, mussten acht, neun Stunden ins Lager zurücklaufen“, berichtet Nemat. „Mein Vater hat schon lange Herzprobleme“, sorgt er sich. Seine Schwester sage: „Wie ist es, in einem Land ohne Krieg zu leben?“ Nemat bleibt im Moment nur die Hoffnung, dass seine Familie das irgendwann auch erfahren darf.

Das Buch

In seinem in Eigenregie veröffentlichten Buch „Emigriert und integriert“ erzählt Nemat B. die Geschichte, wie er als 15-Jähriger Junge seine Familie und Heimat Afghanistan verlassen muss, nachdem die Taliban ihn zwingen wollten, sich am bewaffneten Kampf der Terrororganisation zu beteiligen. Er berichtet von langen Fußmärschen, vom Hunger unterwegs und vom Schlafen auf dem Erdboden. Er schildert die Gefühle eines Nicht-Schwimmers, der in einer Nussschale von Boot stehend über die Ägäis treibt, weil das Boot überfüllt ist und keinen Sitzplatz mehr bietet. „Emigriert und integriert“ erzählt aber auch von der Hilfsbereitschaft vieler Menschen, vom Einsatz von Ehrenamtlichen und Professionellen – und es bringt dem Leser das Wertegefüge eines Geflüchteten nahe, dem seine Familie alles bedeutet. Wenn es zu diesem Zeitpunkt möglich ist, wird Nemat das Buch am Mittwoch, 19. Mai, 18.30 Uhr, im Gemeindesaal von St. Paulus Künzelsau in einer gemeinsamen Veranstaltung von Caritas und VHS vorstellen. 

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