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Sorgen um Schulvermeider

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Silja Marburger leitet seit 2020 die Schulpsychologische Beratungsstelle in Heilbronn. Im Interview spricht sie über die Probleme, mit denen Schüler und Lehrer während der Corona-Pandemie an sie herantreten, und wie man selbst helfen kann.

Frau Marburger, wie steht es derzeit um die Nachfrage nach Ihrem schulpsychologischen Beratungsangebot?

Silja Marburger: „Wir hatten monatelang gleichbleibend hohe Anfragen. Jetzt, seit dem Schulbeginn im Herbst, gibt es eine steigende Nachfrage. Diese verzeichnen wir in jedem Schuljahr um diese Zeit, ich würde aber sagen, dass es ein höherer Anstieg ist als in den anderen Jahren.“

Liegt das an der Corona-Pandemie?

Marburger: „Es gab verschiedene Probleme, die während der Corona-Pandemie geruht haben oder die schwieriger zu bearbeiten waren. Und die kommen jetzt alle mit Verzögerung hoch. Viele haben erst mal abgewartet. Jetzt, wo der Unterricht wieder halbwegs regulär abläuft, werden manche Probleme, die während der Pandemie auf Eis lagen, sichtbarer: Konzentrationsschwächen oder Verhaltensschwierigkeiten haben sich nicht im Klassenzimmer gezeigt, sondern zu Hause. Jetzt, da die Kinder in die Schulen zurückgekehrt sind, in eine gewohnte Struktur, die sie lange nicht gehabt haben, müssen sie sich wieder an die Regeln und die Rhythmisierung gewöhnen. Das fällt manchen Kindern besonders schwer. Was ich persönlich aber bemerkenswerter finde als die Zunahme an Anfrage von Eltern und Schülerinnen und Schülern ist die deutlich gestiegene Nachfrage der Schulen, also von den Schulleitern und Lehrkräften. Dass wir zunehmend für Fortbildungen zum Thema psychische Störungen angefragt werden, für Teamentwicklungsprojekte, für Krisenschulungen oder für Supervisionsangebote. Aus meiner Sicht zeigt das deutlich: Die Pandemie und die Zeit der Schulschließungen haben sowohl Schülerinnen und Schülern, als auch den Eltern und Lehrkräften viel abverlangt. Da merken wir, dass das ganze System Schule belastet ist und Unterstützung braucht.“

Mit welchen konkreten Problemen, bedingt durch die Corona-Pandemie, kommen die Schülerinnen und Schüler auf Sie zu? 

Marburger: „Die Themen haben sich im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie nicht groß verändert. Es sind psychische Belastungen, es geht um Leistungsdruck oder Leistungsabfälle und wie man damit umgeht. Themen sind auch die Ursachen von Lernlücken und wie man mit ihnen umgehen kann. Dann geht es um Ängste davor, sich in der Schule anzustecken und das Virus mit nach Hause zu bringen. Oder um leistungsbezogene Ängste, weil jemand nicht Schritt halten konnte und nun fürchtet, Prüfungen oder das Jahr nicht zu schaffen. Im allerschlimmsten Fall entwickelt sich daraus eine Schulvermeidung, also dass die Jugendlichen nicht mehr in die Schule gehen. Das sind die Kinder und Jugendlichen, die uns am meisten Sorgen machen, und das sind auch die Fälle, die wir mit hoher Priorität behandeln. Denn wenn die Schüler anfangen, die Schule zu verweigern, zählt jeder Tag. Sobald ich Angst habe und die Dinge vermeide, wird diese Angst größer und nicht kleiner, und dieses Problem baut sich immer mehr auf.“

Was hilft bei solchen Ängsten?

Marburger: „Manchen Kindern, die die Schule vermeiden, hilft es, wieder schrittweise in die Schule eingegliedert zu werden. Sie besuchen dann erst mal bestimmte Unterrichtsstunden oder nur die erste und zweite Stunde, um sich schrittweise zu steigern. Es muss aber nicht alles auf einmal gemacht werden. Wir stricken deshalb gemeinsam einen individuellen Plan, wie die Rückkehr zur Schule aussehen kann. Wenn sich allerdings Angststörungen herausgebildet haben, dann ist eine psychotherapeutische Behandlung wichtig. Diese findet zwar nicht bei uns statt, aber wir sind oft die Wegbereiter, manchmal auch die Motivatoren, die dafür sorgen, dass eine geeignete Behandlung anläuft.“

Wie läuft eine Beratung bei Ihnen ab?

Marburger: „In der Regel laden wir bei Grundschulkindern zunächst nur die Eltern zu einem Gespräch ein. Bei den weiterführenden Schulen kommen die Jugendliche oft mit ihren Eltern. Wenn die Jugendlichen sich allein an uns wenden, kann eine erste Beratung erfolgen, für weitere Termine braucht es aber das Wissen und das Einverständnis der Eltern zur Beratung. Über 18-Jährige können sich natürlich allein anmelden. Wir führen erst mal ein ausführliches Erstgespräch um zu schauen, wo die Probleme liegen und wen es braucht, um sie zu lösen. Häufig machen wir psychologische Testungen, um herauszufinden, wie gravierend der Rückstand ist oder wie viel vom Anfangsunterricht verpasst wurde. Häufig gehört eine Begabungsdiagnostik dazu, wir ermitteln, wie leicht oder schwer das Lernen fällt und welches Potenzial die Kinder mitbringen. Es geht darum, ein objektives Bild zu bekommen und herauszufinden, welche Maßnahmen nun helfen, wie die nächsten Schritte aussehen, wer was tun kann. Dann gehen wir ins Gespräch. Bei all dem unterliegen wir der Schweigepflicht.“

Haben Jugendliche große Hemmungen, bei Ihnen anzufragen?

Marburger: „Ja, aber bei den Eltern ist das genauso. Es besteht immer noch eine innere Hürde, weil es als ein Zeichen von Schwäche gilt, dass man einen Psychologen braucht. Wir stellen aber einen Mentalitäts- oder Kulturwandel fest, gerade bei den Lehrkräften. Sich Supervision zu holen, ist viel mehr ein Zeichen von Stärke und Professionalität, nicht von Schwäche. Genauso erlebe ich, dass Eltern sagen, eine psychologische Beratung gehöre heutzutage schon mit dazu, und dass man die ganze Erziehungsarbeit und die Schwierigkeiten nicht alleine meistern muss, sondern dass man sich immer Hilfe holen kann. Das ist auch meine Botschaft an die Kinder und Jugendlichen: Ihr müsste das nicht allein machen, holt euch Hilfe. Aber ja, es dauert manchmal lange, bis jemand zu uns zu kommt oder den Mut hat, uns eine Mail zu schreiben oder uns anzurufen. Aber wenn der erste Schritt gemacht wurde, ist das Wichtigste schon passiert.“

Haben Sie als Schulpsychologische Beratungsstelle angesichts der vielen Anfragen Kapazitätsprobleme?

Marburger: „Wir sind immer schon sehr nachgefragt gewesen, jetzt noch mal mehr. Es gehört einfach dazu, dass wir nicht alle Anfragen zeitnah bedienen können. Das heißt, wir priorisieren auch, wer zeitnah einen Termin bekommt – Ängste oder Schulabsentismus haben für uns immer Priorität. Vorrang haben auch Krisenfälle, etwa bei einem Todes- oder Gewaltvorfall an einer Schule. Dann müssen andere Anfragen zur Hochbegabung oder Fortbildungsanfragen von Schulen warten. Was uns aber freut ist, dass kommendes Schuljahr zu den ungefähr 60 Beratungslehrkräften in der Stadt und im Landkreis mehr als zehn neue dazukommen.“ 

Lässt sich sagen, welche Auswirkungen oder Folgen die Pandemie auf die Entwicklung junger Menschen hat oder haben wird?

Marburger: „Darauf gibt es keine pauschale Antwort. Wir sehen, dass die Schere zwischen den Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Schichten noch weiter auseinandergeht. Es gibt Kinder, die gute Startbedingungen und ein gutes Umfeld haben, um mit den schulischen Anforderungen zurechtzukommen. Aber es gibt leider viele Kinder, die dieses Umfeld nicht haben und die unter den Schulschließungen massiv gelitten haben. Sowohl in den Leistungsbereichen, aber auch in der sozial-emotionalen Entwicklung, also dass die Kinder gut mit anderen Kindern in Kontakt kommen, sich an Regeln halten oder sich als selbstwirksam erleben. Das macht uns natürlich Sorgen. Dieses Gefühl der Kontrolle wird durch die Pandemie und den Lockdown zutiefst erschüttert. Diese soziale Isolation ist ein Nährboden für depressive Symptome. Das heißt nicht, dass alle Kinder und Jugendlichen gleich eine Depression entwickeln. Aber bei denjenigen, die vorher psychische Probleme oder einen Hang zur Depression hatten, wirkt das stärker. Sie rutschen in ein Loch.“

Wie kann diesen Jugendlichen geholfen werden?

Marburger: „Es geht darum, Eltern und Jugendlichen den Rücken zu stärken, den Weg mit ihnen gemeinsam zu gehen, die individuellen Ursachen zu finden und Lösungen zu erarbeiten, was Eltern, Schüler und Schule tun können. Es gilt, zu fragen: Was kannst du jetzt machen, damit es dir gut geht? Was hat dir gutgetan, was hat deine Stimmung verbessert? Welche Probleme sind die schwerwiegendsten für dich? Es geht viel über die Bestärkung, und was die betroffenen Jugendlichen zu Hause tun können.“

Hat die Politik die jungen Menschen in der Pandemie vergessen?

Marburger: „Vergessen würde ich nicht sagen. Zugunsten des Gesundheitsschutzes der gesamten Bevölkerung musste abgewogen werden. Es mussten schwierige Entscheidungen getroffen werden, und ja, da mussten Kinder und Jugendliche ein Stück zurückstecken. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir sie jetzt besonders in den Blick nehmen. Eine Maßnahme ist das Förderprogramm „Lernen mit Rückenwind“ des Kultusministeriums und vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung, das für das aktuelle und kommende Schuljahr ausgelegt ist. Es soll helfen, die fachlichen wie auch die sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen weiterzuentwickeln.“

Was kann ich selbst tun, wenn ich merke, dass es meinem Klassenkameraden oder meiner Klassenkameradin nicht gut geht?

Marburger: „Man kann sich immer an uns wenden und erzählen, dass man sich Sorgen macht. Ansonsten sollte man seinen Klassenkameraden oder seine Klassenkameradin ansprechen: ,Ich habe den Eindruck, dass du traurig bist, du wirkst bedrückt, magst du reden?‘ Es fällt jungen Menschen wie auch Erwachsenen zwar oft schwer, eine ehrliche Antwort auf die Frage ,Wie geht es dir?‘ zu geben. Aber man sollte signalisieren: Ich bin da, ich höre zu, das ist die erste Botschaft. Man braucht keine Lösung parat zu haben, aber man sollte mitüberlegen, beratend zur Seite stehen, eine Brücke bauen.“

Hintergrund

Die Schulpsychologische Beratungsstelle mit acht Psychologenstellen und Beratungslehrkräften ist Ansprechpartner für alle Menschen, die am Schulleben in der Stadt und im Landkreis Heilbronn beteiligt sind. Das sind sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch deren Eltern, die Lehrer oder die Schulleitung aller Schularten. Die Schulpsychologische Beratungsstelle kümmert sich um Fragenstellungen, die mit der Schule zu tun haben. Das können unter anderem Konzentrationsschwierigkeiten, Verhaltens- oder Leistungsschwierigkeiten, Motivationsprobleme, Mobbing, Prüfungsangst oder Schulangst sowie eine Lese-, Rechen- oder Rechtschreibschwäche sein, aber auch Konflikte im Lehrerzimmer, Hochbegabung, eine schwierige Zusammenarbeit zwischen Leitung und Lehrkräften sowie Krisenfälle, etwa der Tod eines Schulmitglieds, gehören zu den Bereichen, in denen die Beratungsstelle zur Seite steht. Die Beratungsstelle bildet auch Beratungslehrkräfte aus, die wichtige Unterstützung an den Schulen leisten.

Die Schulpsychologische Beratungsstelle arbeitet mit einer Vielzahl von Kooperationspartnern in der Stadt und im Landkreis zusammen, darunter das Haus des Jugendrechts, die AWO, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, Ärzte, beratende Stellen oder das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg.

 Hilfe und Kontakt

Schulpsychologische Beratungsstelle Heilbronn, Cäcilienstraße 65, 74072 Heilbronn; Terminvereinbarungen telefonisch unter 07131/64377-62 oder per E-Mail.

Nummer gegen Kummer – anonymes Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche, Telefon: 116111.

Für Kontakt zu den Beratungslehrern: Anfrage beim jeweiligen Schulsekretariat oder der Schulpsychologischen Beratungsstelle.

 

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