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„Es geht mir nicht um Likes“

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Bernd „Berk“ Eisold (39) (Instagram: @berk.2gr) ist vielen Künstlern und insbesondere Graffiti-Sprayern in Heilbronn ein Begriff – sowohl den legal aktiven als auch den illegalen. Bernd Eisold ist sein richtiger Name, Berk sein Streetart-Künstlername. Immer wieder werden seine Werke im Raum Heilbronn in Facebookgruppen begeistert verbreitet. Im Interview erklärt er, worum es ihm bei seiner Arbeit geht.

Ist das Graffiti, was Sie machen? Oder bevorzugen Sie einen anderen Begriff dafür?
Bernd Eisold: Tatsächlich würde ich das, was ich mache, eher als Streetart bezeichnen. Ich arbeite zwar hauptsächlich mit der Dose. Aber wenn es sein muss, greife ich auch auf Pinsel oder Schablonen zurück. Außerdem konzentriere ich mich nicht nur auf Buchstaben. Es geht eher um das, was mir am Herzen liegt und ich künstlerisch umsetzen möchte. Das ist mal Graffiti und mal Streetart. Wobei Streetart ein Oberbegriff ist und Graffiti mit beinhaltet.

Wie machen Sie das, dass Sie mit Streetart tatsächlich Ihren Lebensunterhalt bestreiten? Worin liegen die Schwierigkeiten?
Eisold: Da ich mich nicht nur auf Graffiti beschränke, ist es mir möglich geworden, damit mein Geld zu verdienen. Ganz alleine von den Streetart-Aufträgen könnte ich nicht leben. In den vergangenen Jahren habe ich viele Workshops geleitet, die nicht nur Streetart beinhalteten, sondern auch Themen wie chinesische Tusche, Malerei oder Theaterbühne gestalten. Die Schwierigkeiten sind meist, den Leuten das, was ich beruflich mache, als Job und nicht als Hobby zu vermitteln.

Um sich einen Namen zu machen als Streetart-Künstler, muss man da nicht aus der Illegalität kommen? Und ist es nicht auch irgendwie cool für Sprayer, illegal aktiv zu sein?
Eisold: Einen Bezug zur Illegalität habe ich keinen. Ich habe da auch eine Vorbildfunktion. Ich respektiere und weiß auch, das Illegalität ein wichtiger Teil dieser Kunstform ist. Das erkläre ich auch in Kursen und Vorträgen. Das ist aber nicht mein eigener Weg. Der Anspruch meines künstlerischen Ausdrucks ist ein anderer. Natürlich verstehe ich den Reiz der Illegalität.

Sie sehen es mehr künstlerisch?
Eisold: Ja. Graffiti und Streetart sind nur ein Teil künstlerischen Ausdrucks oder einer Rebellion. Illegalität ist in dem Falle natürlich der Ursprung des Begriffs Graffiti, aber tatsächlich kommt der Begriff vom Graphito und bezeichnet schon die klassische Höhlenmalerei der Urmenschen. Es ist die Kommunikation mit der Umgebung: Ich war hier gewesen. Es ist wie bei einem Hund, der sein Revier markiert, um zu zeigen, dass er da gewesen ist. Dafür gibt es auch sehr viele Beispiele, mit denen viele von uns schon selbst in Berührung gekommen sind. Klassisch ist das in einen Baum geritzte Herz, zusammen mit dem Namen der Verliebten. Oder Namen, die an Bänken und besonderen Platzen auftauchen – es geht nur darum, zu zeigen, dass man hier war.

Wer sind Ihre Auftraggeber? Welches Interesse haben öffentliche Auftraggeber, und was wünschen sich Privatleute?
Eisold: Immer mal wieder bekomme ich Feedback von anderen, gerade durch die Workshops. Daran erkenne ich auch, wenn Leute dranbleiben und sich mit dem Thema auseinandersetzen. Das öffentliche Interesse bekomme ich meist eher beim Schaffensprozess mit. Aufmerksamkeit zu erzielen, ist auch meist im Interesse der Auftraggeber. Bei Aufträgen geht es sehr oft um Individualität. Das beinhaltet meist die eigene Idee mit bestimmten Themen, die mit einem Werk ausgedrückt und ausgesagt werden soll. Ein Kampfsportstudio will Power und Kraft vermitteln. Da arbeite ich dann mit einem tierischen oder historischen Bezug. Während meine Kunst im Kinderzimmer meist den Namen des Kindes zeigt und seine Interessen an der Zimmerwand illustriert.

Nehmen Aufträge von Privatleuten zu und hängt das mit der Corona-Pandemie zusammen?
Eisold: Am Anfang der Pandemie gab es tatsächlich sehr viele Anfragen. Viele Leute hatten mal richtig Zeit und haben darüber nachgedacht, wie sie ihr Umfeld individueller gestalten können. Sie haben Lust gewonnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und so gab es plötzlich auch viele Nachfragen von Leuten, die ihre Kinderzimmer oder gerne auch die Garage verschönern wollten.

Ist das jetzt noch immer so?
Eisold: Nein. Während des zweiten Lockdowns hat sich das verändert. Die Leute haben noch immer Interesse, aber möglicherweise fehlt es jetzt ein paar Monate später an Geld. Ich denke, viele haben aktuell auch einfach Angst, etwas in die Gestaltung von Läden und Firmen zu investieren. Wandgestaltung ist ja auch ein Luxus, den man sich leisten können muss. Ich bekomme aber noch immer viele Aufträge durch Mundpropaganda und durch gut umgesetzte Arbeiten. In diesem Punkt bin ja auch vielseitig und mache fast alles, was gestalterisch angefragt wird. T-Shirt-Design, Gestaltung von Bühnenbildern, Bilder für die Wohnung oder eben eine komplette Gestaltung von Gebäuden. Da ich meinen Einstieg über die künstlerische Schiene hatte und Graffiti am Anfang nicht mein Schwerpunkt war, habe ich in viele Bereiche Kontakte.

Was Sie machen, wird auf Facebook begeistert geteilt. Was genau gefällt den Menschen so sehr?
Eisold: Das lässt sich schwer sagen. Was ich mache, tue ich meist auch für mich. Ich stehe hinter jedem meiner Projekte. Wenn das mal anders sein sollte, setze ich ein Projekt gar nicht erst um. Klar kann man mit schönen Motiven die Menschen begeistern, mit Blumen und Schmetterlingen, eben mit Motiven, die positiv wahrgenommen werden. Es geht mir aber nicht um Likes. Ich will meine Welt und die der anderen bunter machen. Ich verstelle mich nicht, sondern passe mich an und mache Aufträge zu einer Mischung aus der Kundenidee sowie meiner persönlichen Idee, und das kommt ganz gut an.

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben, welche Themen liegen Ihnen selbst besonders am Herzen?
Eisold: Stilmäßig bin ich nicht festgelegt. Das sieht man auch daran, das ich immer wieder neue Wege einschlage. Es geht auch um eine ständige Weiterentwicklung. Ich verarbeite Sachen aus meinem Leben und kommuniziere mit meiner Umgebung auf meine Weise.
Immer wieder wird Streetart von Wildsprayern übersprüht. Wie gehen Sie als Künstler mit solchen Dingen um? Ärgert Sie so etwas?

Eisold: Da dies auch ein Aspekt von Graffiti ist, muss ich damit leben. Am Ende ist alles vergänglich. Trotzdem ärgert es mich schon, wenn gute Werke nur aus Frust übermalt werden. Diejenigen, die das machen, sind meist keine richtigen Sprayer. In der Szene gibt es viel Respekt untereinander. Wenn ein Werk gut ist, wird es nicht angerührt. Ich finde es auch wichtig, dass es offizielle Freiflächen gibt, wo sich jeder zumindest einmal ausprobieren kann. Dafür setze ich mich auch schon seit Jahren ein. Andernorts, in Mannheim, ist das populärer und den Sprayern wird ihr Dasein einfacher gemacht. Da fahre ich immer wieder gerne hin, nachts – die Unterführungen, die freigegeben sind, sind toll beleuchtet, und zu dieser Uhrzeit wird man nicht gestört.

Sind Sie aufgrund Ihrer Nähe zur Szene auch beliebter Ansprechpartner der Polizei?
Eisold: Da ich nicht illegal aktiv bin, kann ich zu illegalen Aktionen auch keine Angaben machen. Ich werde zwar oft in diese Richtung gedrückt, aber mein Background ist einfach ein anderer. Dieses Thema ist leider sehr vorbelastet mit Vorurteilen. So kam es auch schon öfters vor, dass ich kontrolliert und klar in eine Richtung abgestempelt wurde. Da ich aber von solchen Vorurteilen nichts halte und selber auch ein gutes Beispiel bin, dass es nicht so ist, kommuniziere ich das auch immer klar bei solchen Kontrollen. Zum Erstaunen der Polizisten, die leider manchmal erbarmungslos bleiben. Ich denke, es gibt in jedem Bereich solche und solche Menschen und ich pauschalisiere da nicht, auch wenn Graffiti und Streetart ihren Ursprung in der Illegalität genommen haben. Aber da sind wir schon lange raus gewachsen. Es muss nur noch in allen Köpfen ankommen.

Zur Person

Bernd Eisold hat sein Hobby zum Beruf gemacht und sprüht Streetart im Auftrag. Zum ersten Mal in Kontakt zum Sprayen kam er im Alter von 16 Jahren, damals noch in Weimar in Thüringen, wo er aufgewachsen ist. Im Jahr 2004 zog Bernd Eisold nach Heilbronn, machte eine Ausbildung zum Grafikdesigner am Kolping-Bildungszentrum. Im Jahr 2011 eröffnete er zusammen mit Künstlerin Dagmar Fahrer die Galerie Zwischenraum im Wollhaus. In dieser Zeit begann Eisold auch, Streetart- und Graffiti-Workshops zu geben. 

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