Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Tschüss, Jein-Sager!

zurück zur Übersicht

Manchmal fallen Entscheidungen leicht, manchmal schwer. Da können wir uns schon mal überfordert fühlen. Johanna Dautermann kennt sich gut mit Entscheidungen aus. Sie ist Leiterin der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas Heilbronn-Hohenlohe. Sie erklärt, ob es helfen kann, sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen - und warum die Welt nach falschen Entscheidungen nicht untergeht.

Frau Dautermann, Herz oder Kopf – womit entscheiden Sie?

Johanna Dautermann: Mit einer Kombination, nämlich sowohl mit dem Kopf, als auch mit dem Herzen. Ganz oft muss es sich für mich einfach stimmig anfühlen. Ich glaube, das würde man dann als Bauchentscheidung bezeichnen.

Wie lerne ich, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen?

Dautermann: Ich denke da gerne an meinen Lehr-Therapeuten. Er hat immer folgende Frage empfohlen: Wie geht es mir, wenn ich das jetzt so entscheide? In sich hineinzuhören, ob es sich stimmig anfühlt, ist wichtig. Man kann sich auch vorstellen, schon entschieden zu haben. Was passiert dann in mir? Welche Gedanken oder Gefühle kommen hoch? Sich diese Fragen ehrlich zu beantworten, kann helfen, in den inneren Kompass, den wir alle haben, hineinzuspüren. Selbstvertrauen braucht es auch, erst recht, wenn etwas schiefgehen sollte. Dann kann man sich vor Augen führen, dass man schon ganz andere Krisen gemeistert hat. Aber sich Zeit für sich zu nehmen und in sich hineinzuhören, das ist mit am wichtigsten.

Und wenn ich eine Entscheidung im Nachhinein bereue?

Dautermann: Im Normalfall zeigt sich erst hinterher, ob eine Entscheidung gut oder schlecht war. Deshalb muss man der Entscheidung erst einmal vertrauen und abwarten. Wenn es sich dann doch als nicht optimal herausstellt, hilft es, sich bewusst zu machen, dass ich damals nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe. Heute weiß ich vielleicht mehr und würde eine andere Entscheidung treffen, aber damals war es die richtige Wahl. Wenn ich im Gegensatz dazu nur darüber nachdenke, dass eine bestimmte Entscheidung für immer und ewig sein wird, blockiert und hemmt uns das. Wir machen uns so selbst Druck, richtig wählen zu müssen. Dabei gibt es die eine richtige Entscheidung gar nicht. Manchmal muss man einfach handeln, um für sich rauszufinden, ob es das Richtige für einen selbst ist. Und wenn es der falsche Weg war, dann muss ich das nächste Mal eben anders handeln. Keine Entscheidung zu treffen und sie zu vertagen, weil wir uns noch unsicher sind, ist im Übrigen auch eine Entscheidung.

Welche Tipps haben Sie noch gegen die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen?

Dautermann: Es ist so: Fast keine Entscheidung ist für immer. Man muss sich vor Augen führen, sich immer nur für diesen Moment und im Hier und Jetzt entscheiden zu können. Was sich heute richtig anfühlt, kann morgen vielleicht schon wieder ganz anders sein. Fakt ist auch: Wir alle müssen Entscheidungen treffen. Da wird vermutlich bei jedem von uns ein ganzer Berg dabei sein, bei dem wir denken, das war gut, dass ich so entschieden habe, und ein Teil wird dabei sein, bei dem wir unglücklich sind und es als falsch empfinden. Wichtig ist dann, was wir daraus machen. Natürlich gibt es auch Entscheidungen, die nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Aber die meisten müssen nicht für immer und ewig sein. Sich diesen Gedanken klarzumachen, kann helfen, den Druck rauszunehmen und die nächsten Male automatisch bessere Entscheidungen zu treffen.

Werden wir so selbstsicherer im Umgang mit Entscheidungen?

Dautermann: Genau. Gerade junge Menschen, die noch in der Selbstfindungs-Phase stecken und sich noch gar nicht genau bewusst sind, wohin sie wollen, müssen sich ausprobieren und sollten Erfahrungen sammeln. Und wenn eine Entscheidung falsch war, dann ist es wichtig, daraus zu lernen und dieses neue Wissen mitzunehmen. In Beratungen erlebe ich oft, dass Entscheidungen zu treffen für meine Klienten mit Verantwortung oder einem Schuldgefühl einhergehen. Wenn Entscheidungen schiefgehen, ist niemand gerne schuld. Das sind unangenehme Gefühle, die wir versuchen zu vermeiden.

Was ist mit den Ratschlägen unserer Eltern oder nahestehender Personen? Sollten wir sie annehmen, oder ist die Gefahr groß, von ihnen beeinflusst zu werden?

Dautermann: Oft merkt man tatsächlich gar nicht, wenn man beeinflusst wird. Das passiert unbewusst. Mein Appell lautet daher: Eltern dürfen gerne ihre Gedanken, Überlegungen oder Sorgen teilen, aber nicht mit der Erwartung, dass sie dann auch umgesetzt werden. Natürlich möchte man sein Kind gut aufgehoben wissen, aber gleichzeitig sollte man ihm auch die Freiheit geben, seine eigenen Erfahrungen zu sammeln. Als junger Mensch sollte ich mich fragen: Was ist dran an den Aussagen der anderen? Die Aussagen sacken zu lassen und zu überdenken, kann hilfreich sein. Vielleicht haben die Außenstehenden mit ihren Ratschlägen sogar Recht. Aber trotzdem kann ich   etwas auf meine eigene Art und Weise
machen.

Macht es auch Sinn, sich beispielsweise Pro- und Contra-Argumente zu überlegen?

Dautermann: Das schadet jedenfalls nicht. Es kann helfen, sich erstmal zu sortieren. Wüsste ich von vornherein, was ich will, wäre es keine Entscheidung mehr, sondern eine Tatsache. Aber solange ich hin- und herschwanke zwischen meinen Optionen, steht offensichtlich eine Entscheidung aus. Sollten meine Gedanken nur um ein Thema kreisen, kann es helfen, alles aufzuschreiben. Pro- und Contra-Argumente können  auch andere Fragen, die damit im Zusammenhang stehen, zum Vorschein bringen. Zum Beispiel, ob ich für mein Studium irgendwann ausziehen muss. Klar ist aber, dass ich ab einem bestimmten Punkt in meinem Leben ins Handeln kommen muss. Sonst kann ich ewig so weitermachen und endlos Argumente suchen.  

Dieser Text sowie weitere sind im aktuellen Stimmt!-Magazin erschienen 

Galerien

Regionale Events