Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

sch06

Nichts wird weggeschmissen

zurück zur Übersicht

Anderthalb Jahre hat die Jeans auf ihren Besitzer gewartet – vergeblich. Er kam nicht mehr zurück. „Von solchen Kleidungsstücken habe ich hier einige hängen“, sagt Meryem Besara, die seit sechs Jahren in Leingarten eine Änderungsschneiderei betreibt. In der Geschäftsordnung ist festgeschrieben, dass für geänderte Kleidungsstücke, die im Laufe von drei Monaten nicht abgeholt werden, keine Haftung mehr übernommen wird. „In der Regel hebe ich aber alles ein Jahr auf“, stellt Besara fest. Und dann? Wegschmeißen kommt für die vierfache Mutter nicht in Frage. Ihre Lösung nennt sich Upcycling: Aus alten Jeanshosen, Vorhängen, Bettbezügen und vielem mehr entstehen Taschen. Jede ein Unikat. Gerade während der zurückliegenden Monate im Lockdown hatte Besara unfreiwillig viel Zeit, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen.

Viele Taschen entstehen in der sogenannten Patchwork-Technik, das heißt Meryem Besara schneidet die ausrangierten Hosen in Streifen und näht sie anschließend zu verschiedensten Mustern erneut zusammen. Eine sehr aufwendige Verarbeitung, die ein geschultes Auge für Farben, Material und mehr verlangt. „Von der Idee bis zur fertigen Tasche vergehen locker drei Stunden“, sagt Besara, die eigentlich gelernte Erzieherin ist. Doch das Schneiderhandwerk wurde ihr in die Wiege gelegt. „Ich stamme aus einer Familie von Maßschneidern“, erinnert sich die in der Türkei geborene Christin zurück. Von ihrer Mutter lernte die lebensfrohe Leingartenerin, die Dinge zu schätzen. „Alte Stoffe hat meine Mutter in Streifen gerissen und daraus Teppiche gewebt, ausrangierte Kartoffelsäcke wurden aufgetrennt und zu Waschlappen vernäht.“

Überfluss

Pro Jahr werden schätzungsweise 100 Milliarden Textilteile hergestellt. Einigen Modemarken gelingt es sogar, ein Kleidungsstück innerhalb von 36 Stunden nach der Auftragserteilung an die Fabrik in die Länder zu bringen. Der Erfolg von Fast Fashion in westlichen Ländern führt trotz steigender Rohstoffkosten zu weiter sinkenden Verkaufspreisen für Textilien. Dieser schnelle Warenumschlag geht zulasten der Menschen, die in der Textilindustrie arbeiten, von der Umwelt ganz zu schweigen. „Neulich war ein junger Mann im Laden, der seine Hose, die er für zehn Euro beim Discounter gekauft hatte, kürzen lassen wollte“, sagt Besara. Die 9,50 Euro, die sie dafür verlangt hätte, waren ihm zu viel. Solche Erlebnisse stimmen sie traurig und nachdenklich. Ihrem Sohn und ihren drei Töchtern gab sie das Reparieren und Verwerten von Gebrauchsgegenständen mit auf den Weg. Es freut sie, dass sich ihre Tochter in ihrer Schwangerschaft kurzerhand zwei Umstandskleider selbst nähte. „Es ist doch Sünde, etwas wegzuschmeißen, das man noch verwenden kann“, lautet das Motto von Meryem Besara. Mit ihrer Kreativität macht sie auch nicht vor Plastikverpackungen von Joghurts oder Waschmittel halt. 

Zehn Prozent aller Textilabfälle in Deutschland finden weiterhin Verwendung am Markt als gebrauchte Kleidung, acht Prozent können dem Produktionskreislauf durch Recycling wieder zugefügt werden. Das geht aus einer Studie hervor, die die Agentur ABCD im Auftrag der Marke Labfresh im vergangenen Jahr veröffentlichte. Der Rest werde schlicht entsorgt. „Fast ein Viertel (24,3 Prozent) aller textilen Abfälle werden CO2-intensiv verbrannt“, heißt es in der Untersuchung. „Mehr als die Hälfte des Kleidermülls (57,1 Prozent) landet schlussendlich auf den besonders umweltschädlichen Deponien.“ In Deutschland werden, so die Studie, nur 500 Gramm der 4,7 Kilogramm Kleidermüll pro Kopf recycelt.

Lebenseinstellung

Innerhalb von nur zwei Monaten quillt die Box mit Reststücken von gekürzten Gardinen, Blusen und Co. in der kleinen Nähstube in der Regel über. Dann ist für Besara der Moment gekommen, etwas an der Nähmaschine zu zaubern. Auch wenn die Zeit dafür jetzt wieder knapper wird – „die Menschen bringen mehr Änderungsarbeiten“, freut sich die Schneiderin. Entstanden ist die Idee mit den Taschen auch, als ihr Kunden für Behelfsmasken im ersten Lockdown vor einem Jahr verschiedenste Stoffe vorbeibrachten und die Alltagsmasken irgendwann nicht mehr im Handel zugelassen waren. „Da waren so viele tolle Muster dabei, die musste ich einfach verarbeiten“, sagt Meryem Besara. 

Übrigens: Nicht nur in der Nähstube achtet die 56-Jährige darauf, dass sie so wenig Müll wie möglich produziert. „Einmal in der Woche gibt es bei uns Pyttipanna“, so Besara, „ein Resteessen der schwedischen Küche.“ Würstchen werden dafür gewürfelt und mit Kartoffeln angebraten, anschließend mit roter Beete und einem Spiegelei verfeinert. Ein Mitbringsel aus Skandinavien, wo die Familie eine Zeit lang lebte. Oder aber die leeren Wasserkanister, deren eine Seitenwand ihr Mann Besim, der neben der Änderungsschneiderei einen Schuhdienst betreibt, entfernte und die Meryem Besara jetzt als Ordnungsboxen mit Griff für ihr Zubehör verwendet. Damit beweist Besara: „Man kann Dinge kreativ zweckentfremden und weiternutzen, statt sie einfach wegzuschmeißen.“

Galerien

Regionale Events