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Willkommen in der „Furzbude“

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Behagliches Licht scheint aus den Fenstern. Nichts deutet darauf hin, was sich im Inneren dieses unauffälligen Hauses in einem Wohnort im Heilbronner Landkreis tatsächlich befindet: ein Paradies für die Longboarder und Skater. „Willkommen in der Furzbude“, sagt Elias Hörr, als er mit einem Grinsen im Gesicht die Haustür öffnet.  

Im Inneren riecht es nach Holz und nach Rauch, im Hintergrund läuft Rock'n'Roll. Der Blick fällt zunächst auf die unverputzten Backsteinwände und ein Sammelsurium aus bunt zusammengewürfelten Möbeln, wie etwa eine Couch im Vintage-Look. Es gibt Holzelemente wie Balken und zusammengezimmerte Regale und eine Lampe, die vormals ein Skateboard war, außerdem viel Wandbehang und natürlich eine Skateboard-Sammlung. Vieles ist feinste Handarbeit und eigens für die „Furzbude“ hergestellt worden, denn gebaut haben sich die Freunde das Skaterparadies selbst. Alles andere finanziert sich aus Sach- und Geldspenden - jeder gibt mal was dazu. Doch der wahre Blickfänger der „Furzbude“ lässt sich erst auf den zweiten Blick wirklich glauben: die maßstabsgetreu eingebaute Bowl, ein hölzernes Becken wie ein Pool. Mit nur wenigen Metern Durchmesser ist sie selbst für geübte Skater eine Herausforderung. Genauso eindrucksvoll: die Full-Pipe, ein kreisrundes Betonelement wie für einen Tunnel, direkt im kleinen Garten hinter dem Haus. 

Lifestyle

Fast jeden Tag trifft sich die „Pogo-Familie“ zum Skaten, Reden und Chillen in dem unscheinbaren Häuschen. Gemeinschaft wird hier großgeschrieben, die Leidenschaft für den Sport verbindet, und genau das gefällt Elias Hörr so an der Skater-Community: „Jeder ist willkommen und fühlt sich schnell in der Furzbude wohl.“ Mittelpunkt der Skaterszene ist die Longboard-, Skateboard- und Snowboard-Farm „Pogo“, die Joachim „Jogi“ März und Martin Sammet 1983 gründeten. „Pogo“ ist nicht nur in Löwenstein, sondern auch weit darüber hinaus in der Szene bekannt. Höhepunkt der Skater war die alljährliche „Pogo-Party“‘, die immer auf der Skaterrampe am Häckselplatz stattgefunden hat. „Es kamen Leute aus ganz Deutschland, und sogar verschiedene Bands reisten an“, erzählt Elias. Doch nun wurde der Pachtvertrag für das Grundstück gekündigt. Den genauen Grund dafür kennen die Skater nicht, sie bedauern die Entscheidung aber sehr – wo die Partys einmal wieder stattfinden sollen, wissen sie nicht. 

Skater hätten einen schlechten Ruf, meinen Elias und Lukas Nehr. Ob andere aber nun schlecht von ihnen denken, das ist den beiden herzlich egal. Damit würden sie ohnehin nicht direkt konfrontiert werden. „Es ist super, ein Skater zu sein“, sagt Lukas lachend und gerät ins Philosophieren: „Man lernt, immer wieder aufzustehen.“ Damit hat er wortwörtlich recht. Denn Verletzungen sind beim Skaten an der Tagesordnung: „Schürfwunden, aber auch Prellungen am ganzen Körper und eine ausgekugelte Schulter“, zählt Elias auf. Für den 20-Jährigen ist das Verletzungsrisiko aber kein Grund, um mit dem Skaten aufzuhören, im Gegenteil.  „Das beste Gefühl ist, in der Bowl sein. Das fühlt sich an wie zu surfen oder als würde man schweben“, erzählt Elias. Das Rumfahren in der Bowl klappt bei ihm schon sehr gut.

Übung 

Janis Hofmann, der zurzeit ein Praktikum beim Longboardhändler Pogo macht, stieg hingegen erst vor kurzem zum ersten Mal in die Bowl. „Es ist ein tolles Gefühl, darin seine Runden zu drehen, auch wenn man noch nicht so lange skatet.“ Das „Reindroppen“ sei kein Problem, meint der Student. „Aber weil die Bowl klein ist, muss man schnell reagieren. Das ist gar nicht so einfach.“ Das Wichtigste beim Skaten seien das Gleichgewicht und die Körperspannung zu halten, „aber das kann man sich alles antrainieren‘‘, erzählt Elias, der mit 13 Jahren durch seinen Bruder zum Skaten kam. 2017 wurde er dritter Juniorenmeister im Downhillskaten. Zwischen dem Downhillskaten und dem Skaten im Park möchte er sich aber nicht für einen Stil entscheiden: „Beim Downhill fühl ich mich freier, im Park kann ich dafür kreativer sein.“ 

Szene 

Vor Corona war die „Pogo-Gruppe“ häufig auf Skate-Events in ganz Deutschland unterwegs. Dort kennt jeder jeden, meinen die Jungs, es kämen wenig neue Leute dazu. Den Grund dafür sehen sie darin, dass Skaten im Moment einfach „kein Trend mehr ist“, aber bestimmt wiederkomme. Stattdessen sitzen viele junge Menschen lieber zuhause und zocken, meint Elias. Frauen gab es schon immer wenige, die Szene sei eher männerdominiert. Dass das Skaten aber niemals aussterben wird, davon ist Lukas überzeugt.

Hier in der Region reist die Gruppe wenig herum, sie bleibt lieber unter sich. „Auf den öffentlichen Skateparks sind die Rampen häufig nicht gut. So wie in Heilbronn zum Beispiel“, sagt Lukas. Dort würde man sich, wenn man hinfällt, „alles verbrennen“, weil die Rampe aus Plastik ist. Der Skatepark in Öhringen sei hingegen „ganz gut, der ist ja auch ziemlich neu“, ergänzen Lukas und Elias. Alle anderen Skateparks in Heilbronn seien in die Jahre gekommen. „Da wäre es definitiv mal Zeit, dass sich da was tut“, findet Elias.

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