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Aufklären und helfen in der Pandemie

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Schwanger mit 17, sexuelle Gewalt, Transidentität: Das Corona-Jahr 2020 hat die Angebote der Beratungsstelle Pro Familia verändert, aber der Bedarf an fachlicher Unterstützung zu Themen rund um Sexualität und Familie ist weiterhin hoch, wie der Jahresrückblick 2020 zeigt. Unter Pandemiebedingungen zu arbeiten, stellte das Team vor eine große Herausforderung. „2020 haben wir die Angebote in fast allen Bereichen angepasst und teilweise digitalisiert“, sagt Sabine Hönnige. Die Beratung finde jetzt großteils telefonisch und per Videochat statt. Mit Andrea Specht leitet die 53-Jährige die Organisation in Heilbronn, in der sieben festangestellte und fünf Honorarkräfte arbeiten.

Die Zahl der Beratungen in den Bereichen Schwangerschaft, Partnerschaft sowie sexualisierte und häusliche Gewalt nahm im Vergleich zu 2019 zwischen fünf und fast 30 Prozent zu. „Die Beratung im telefonischen oder auch digitalen Format klappt besser als erwartet“, sagt Hönnige über die vielen positiven Rückmeldungen der Klienten. „Auch telefonisch können wir sehr vertraulich und ausführlich die Menschen beraten.“ Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte jedoch sowie die Workshops mit Jugendlichen fielen seit Pandemiebeginn komplett aus. 

Jugendliche

2019 fanden für 106 Schulklassen Workshops zur Förderung der sexuellen Selbstbestimmung in der Beratungsstelle statt. 2020 kamen hingegen nur 19 dieser Kurse mit Sexualpädagogen zustande, dazu vier Elternabende und Seminare für Lehrpersonen. „Das tut mir für die Jugendlichen sehr, sehr leid“, bedauert Sabine Hönnige, dass die Gruppenberatungen ab der siebten Klasse seit einem Jahr völlig wegfallen. „Diese für die jungen Menschen so wichtigen Themen zur Sexualität fehlen.“ Auf Anfrage bietet Pro Familia im Online-Format Elternabende an sowie Fortbildungen im Bereich sexuelle Bildung. Nach den Pfingstferien plant das Team digitale Workshops für Teenager.

Sexuelle Gewalt

In neuer Gestalt erscheint seit 2020 das Beratungs- und Präventionsangebot von Pro Familia bezüglich sexualisierter Gewalt – auch in sozialen Netzwerken, Handygewalt und häuslicher Gewalt. Seit 23 Jahren hilft Pro Familia Heilbronn mit einem Notruf vergewaltigten Mädchen und Frauen – neben der Schwangerschaftsberatung und der Sexualbildung ein Schwerpunkt der Organisation. „Der Begriff Notruf war nicht mehr zeitgemäß“, sagt Sabine Hönnige. Das Team nannte das Programm in „gewaltfrei und selbstbestimmt“ um. Der niederschwellige Zugang durch Telefongespräche biete sich bei dieser Thematik für Betroffene von häuslicher und sexualisierter Gewalt an, sagt die Geschäftsführerin. „Diesen direkten, schnellen Zugang schätzen unsere Klientinnen und Klienten.“ Von 145 Beratungen zum Thema im Jahr 2019 hat sich deren Anzahl 2020 auf 203 deutlich erhöht. Ob die Steigerung mit der Pandemie zusammenhänge, mag Sabine Hönnige nicht beurteilen. Das Angebot werde von Fachstellen, Eltern und Selbstmeldern häufig nachgefragt.

Schwangere

Ein weiterer Fokus von Pro Familia liegt auf der Beratung von Schwangeren zu Abbrüchen, zu auffälligen Befunden, zur Geburt, zum Arbeitsrecht oder sozialen Leistungen. „Viele Schwangere haben seit der Corona-Zeit Zukunftsängste“, stellt Sabine Hönnige fest. Sie seien mit einer größeren Unsicherheit konfrontiert, vor allem in Bezug auf finanzielle Fragen. Nach wie vor berät Daniela Pfeiffer-Stäbler werdende und junge Eltern ausführlich in der Hebammensprechstunde telefonisch, aber auch in Präsenz. 

Trotz Pandemie gibt es weiterhin – unter Einhaltung der Infektionsschutzregeln – fachkundige Hilfe in Präsenz: So können Paare in der Moltkestraße 56 mit therapeutisch geschulten Mitarbeitern über ihre Probleme sprechen. Auch bei sprachlichen Barrieren oder dem ausdrücklichen Wunsch nach einem Gespräch vor Ort sind laut Geschäftsleitung Termine im großen Beratungsraum von Pro Familia möglich. 

Neuer Newsletter und Finanzierung

Anfang Mai 2021 hat Pro Familia Heilbronn den ersten Newsletter über sexuelle Bildungsarbeit für Fachkräfte herausgebracht. Mehrmals im Jahr informieren die Sexualpädagogen darin Interessierte zu Themen der sexuellen Bildung, etwa über Verhütung oder das Jungfernhäutchen, in der Fachsprache Hymen genannt. In Veranstaltungen mit Jugendlichen und im Gespräch mit Erwachsenen zeige sich, so heißt es in der ersten Mail, von dem Hymen oft immer noch ein falsches Bild.

Der Newsletter beinhaltet Links zu interessanten Jugendangeboten, etwa Youtube-Kanälen, Broschüren und Comics zum jeweiligen Aspekt. Auch der Bereich Transsexualität wird Thema des Newsletters werden. „Wir bekommen zu Fragen der Geschlechtsidentität seit etwa zwei Jahren vermehrt Anfragen von Jugendlichen und auch Erwachsenen in höherem Alter“, berichtet Geschäftsführerin Sabine Hönnige. Die Heilbronner Beratungsstelle des bundesweiten Vereins Pro Familia wird zu 80 Prozent vom Land gefördert und finanziert sich zudem aus eigenen Einkünften, Spenden sowie durch kommunale Zuschüsse. Die Hilfe für Schwangere ist grundsätzlich kostenfrei. Für sonstige Leistungen erhebt Pro Familia eine Kostenbeteiligung. „Eine Beratung wird nicht an der finanziellen Situation scheitern“, heißt es auf der Webseite.  

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