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"Tatort" reinigen statt krumme Dinger drehen

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Ein Graffito an der Wand hat schon so manchen Hausbesitzer zur Verzweiflung gebracht, dabei ist das – zumindest in Heilbronn – gar nicht zwingend nötig. Denn hier gibt es den Verein Seehaus und seine "Tatortreiniger". Jugendliche können hier, begleitet von Sozialarbeiter Daniel Müller, ihre Sozialstunden abarbeiten, indem sie Graffiti von Wänden entfernen. Für die Geschädigten ist das kostenlos. Doch der Verein Seehaus will nicht nur Jugendlichen die Konsequenzen ihrer Handlungen aufzeigen, sondern in Zukunft auch eine Opfer-Trauma-Beratung einführen.

„Viele Jugendliche kommen mit der konventionellen Arbeit, um die es bei der gemeinnützigen Arbeit meist geht, nicht zurecht“, erklärt Daniel Müller vom Seehaus. „Sie bekommen etwa einen Zettel in die Hand gedrückt mit verschiedenen Einsatzstellen für die Sozialstunden, aber gehen dann nicht hin oder bekommen dort keine Unterstützung.“ Hier greift der Verein Seehaus mit der sogenannten begleiteten gemeinnützigen Arbeit ein.

Unterstützung

Vom Graffitientfernen über Müllsammeln bis zum Reinigen von Rinnen werden die straffällig gewordenen Jugendlichen bei den Arbeiten nicht allein gelassen. „Wir begleiten pädagogisch“, beschreibt Müller seine Arbeit, „wir machen etwa Termine aus, versuchen die Jugendlichen zu fördern, und vor allem sprechen wir über viele Themen.“ Die Gespräche drehen sich auch um die begangenen Straftaten. „Sie müssen nicht darüber sprechen, aber wenn, unterhalten wir uns auch darüber, welche Wellen ihre Tat geschlagen hat und reflektieren das gemeinsam“, sagt Müller.

Und die Begleitung hört nach den Sozialstunden nicht auf. „Wir helfen auch danach noch weiter“, sagt Müller. „Etwa bei der Suche nach Praktikumsplätzen oder bei Bewerbungen.“ Mit vielen der Jugendlichen hat er deshalb auch nach der gemeinsamen Arbeit noch Kontakt.
Die Ziele der begleiteten gemeinnützigen Arbeit sind recht vielfältig: So lernen die Jugendlichen durch die begleitete Arbeit praktische Fähigkeiten, aber auch Dinge wie Pünktlichkeit und Selbstreflexion. „Letztens hatte ich einen Jugendlichen, dem während des Gesprächs beim Müllsammeln klar wurde, welche Verschmutzung das überhaupt ist“, erzählt Müller. Leicht ist die Arbeit des Sozialarbeiters nicht, denn momentan ist Daniel Müller alleine. Und die Zahl der zu betreuenden Jugendlichen steigt. Während es 2018, im ersten Jahr des Vereins, noch 35 Jugendliche waren, betreute das Seehaus im Jahr 2019 bereits 54 Jugendliche. 

Um bestmöglich zu helfen, arbeitet das Seehaus eng mit Jugendgerichtshelfern und Sozialpädagogen an Schulen zusammen. Ein wichtiger Kooperationspartner ist auch das Haus des Jugendrechts Heilbronn. Der Zusammenschluss von Staatanwaltschaft, Polizei, Jugendamt und Amtsgericht hat zum Ziel, Kriminalität zu verhindern, und bietet auch zahlreiche Informationen zur Opferhilfe. Aber auch wer Probleme in der Schule hat, Erziehungsfragen oder familiäre Probleme, findet auf den Seiten des Haus des Jugendrechts viele Informationen und Stellen, an die er sich wenden kann.

Opfer-Beratung

Daniel Müller vom Seehaus würde die Arbeit des Vereins gerne ausweiten. An anderen Standorten des Vereins, etwa in Leonberg oder Leipzig, gibt es zum Beispiel eine Art „Gefängnis ohne Mauern“. Als Alternative zum Strafvollzug können hier Jugendliche ein funktionierendes Familienleben sowie einen strukturierten Arbeitsalltag erleben.

So hoch will Müller gar nicht greifen. Als nächstes will er in Heilbronn eine Opfer-Trauma-Beratung einführen. Wer also Opfer oder Zeuge einer Straftat wurde oder andere traumatische Erfahrungen gemacht hat, kann sich bald an das Seehaus wenden. Um die Arbeit des gemeinnützigen Vereines jedoch dauerhaft zu sichern und auch auszuweiten, braucht es vor allem eines: finanzielle Unterstützung durch Fördermittel und Spenden. 

Mehr als Prävention

Das Seehaus ist ein gemeinnütziger Verein, der sich um Kriminalprävention aber auch um Opferhilfe kümmert. So sollen alle, die mit Kriminalität konfrontiert wurden, unterstützt werden. Bei der Opferhilfe gilt es, die Erlebnisse zu verarbeiten. Dabei hilft das Seehaus bei Verfahren, bietet Seelsorge sowie Beratungen bei rechtlichen Fragen an, informiert, wie gerichtliche Verfahren ablaufen oder vermittelt bei Bedarf an andere Stellen. Im Programm „Opfer und Täter im Gespräch“ können die Beteiligten die Vergangenheit gemeinsam bewältigen.  

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