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Drei Semester Einsamkeit

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Es ist zum Teil schon das dritte Semester unter Corona-Bedingungen an den Heilbronner Hochschulen. Die Belastung, vor allem die psychische, der jungen Studierenden steigt. Das berichtet Roland Schweizer von der Zentralen Studienberatung der Hochschule Heilbronn (HHN)

Die Beratungsanfragen hätten sich im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit verdoppelt. „Dabei geht es nicht nur um typische Herausforderungen wie Lernprobleme oder Fragen zur Prüfungsordnung“, sagt er. „Das Gefühl der Perspektivlosigkeit und finanzielle Notlagen haben zugenommen, und es gibt eine große Vereinsamung.“

Aufbruchstimmung

Man müsse sich das so vorstellen: „Da ist man als junger Mensch in Aufbruchstimmung, kann sich nach der Schule emanzipieren, vielleicht in eine andere Stadt ziehen, sich verlieben, andere Leute kennenlernen“, sagt Roland Schweizer. Und dann folge die große Ernüchterung, für manche auch der Wiedereinzug ins Kinderzimmer, „der sich wie ein großer Schritt zurück anfühlen kann“. Schließlich komme Perspektivlosigkeit hinzu, schon bei Studienanfängern: „Das kann sogar zu Angststörungen führen, weil niemand weiß, wie lange es noch dauert, bis diese Situation, diese unsichtbare Bedrohung, endlich vorbei ist.“ 

Die große Herausforderung für ihn und sein Team: „Unsere Arbeit war vor Corona geprägt durch das persönliche Gespräch. Das braucht man oft, um eine Beziehung aufzubauen, ungestört und in einem geschützten Raum“, sagt Roland Schweizer. Wegen Corona könne er die Studierenden nicht mehr in sein Büro einladen, „selbst wenn ich es für unabdingbar halte“. Nun versuchen er und sein Team, die Vertrauensbasis per Telefon oder Videokonferenz zu schaffen. „Manchmal treffe ich die Studierenden auch vor der Hochschule, und wir machen einen Spaziergang“, sagt Schweizer. Der Studienberater betont, es gebe natürlich auch junge Leute, die sehr gut durch die Krise kommen, finanziell, mental und was die Studienleistung betrifft. „Aber es gibt eben auch andere, die etwa durch eine Lerngruppe mitgezogen und motiviert werden und eine gewisse Sicherheit bekommen, wenn sie vor der Prüfung in die Sprechstunde ihres Professors gehen können.“

Jonas Reichardt ist im vierten Semester, absolviert einen Bachelor in internationaler Betriebswirtschaft und interkulturellen Studien an der HHN. Er bestätigt, dass der psychische Druck auf die Studierenden wächst. „Vereinsamung ist bei ganz vielen ein Problem“, sagt der 21-Jährige. „Teilweise fühlt sich das gar nicht an wie Studieren.“ Freizeitaktivitäten, gemeinsamer Sport, Partys nach den Prüfungen oder zum Studienbeginn, Lernen in der Bibliothek auf dem Campus – all das falle im Moment weg. „Man hat kaum Kontakt zu Kommilitonen. Das, was in dieser Zeit so wichtig ist, Netzwerke aufbauen, Beziehungen knüpfen, geht alles nicht“, bedauert er.

Prüfungsphase

Die Studierenden der HHN schreiben im Moment ihre Wintersemester-Prüfungen, die wegen Corona auf Mai verschoben wurden. Weil die Infektionszahlen auch jetzt keine Präsenzklausuren zulassen, finden Online-Prüfungen statt, die die Hochschule Anfang des Jahres noch ablehnte. Das Studierendenpräsidium wurde in diese Entscheidung mit einbezogen und begrüßt sie, „eben weil wir von vielen den Wunsch nach einer sicheren Prüfungsphase gehört haben“. 

Ein paar Erleichterungen sollen zusätzlich Druck nehmen, zum Beispiel Freiversuche oder Leihgeräte für Studierende ohne technische Ausstattung. „Es gab auch eine Menge Probedurchläufe“, ergänzt Jonas Reichardt. Die Corona-Satzung der HHN findet Roland Schweizer sehr hilfreich: „Die Studierenden können ohne Angst in die Prüfungssituation gehen. Sie können eigentlich nur gewinnen.“

 

 

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