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Soziale Medien lassen Sprache nicht verlottern

Sollte Handynutzung in der Schule verboten sein?

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Leon schaut ein wenig schuldbewusst auf das Display. Es ist dunkel, die Lampen an der Decke spiegeln sich darin. 13 Jahre ist Leon alt, er geht auf eine weiterführende Schule in Heilbronn. In der Schule würde er sich an die Regeln halten und das Handy nicht benutzen, sagt er. Meistens jedenfalls. Nur manchmal muss er einfach wissen, was in seinen Lieblings-Chatgruppen los ist. Seine Mutter auf dem Stuhl neben ihm schaut mal streng, mal verständnisvoll drein. Das Handy in der Schule – Segen und Fluch der kleinen Geräte liegen nahe beieinander. 

Macht doch jeder

Chatten, Videos schauen, ein bisschen Spielen. „Das macht doch jeder, auch in der Schule“, sagt der Siebtklässler. Er habe auch schon mitbekommen, dass Sachen über Schüler in Gruppen geschrieben wurden. „Aber keine schlimmen. Wer wen gerade doof findet oder wer in wen verliebt ist.“ In Gruppen, in denen er die Mitglieder nicht kennt, sei er nicht, versichert Leon.  Leon und seine Mutter Brigitte Weber heißen in Wirklichkeit anders, sie wollen nicht mit Namen in der Zeitung stehen. Das Thema klinge vielleicht harmlos, sei es aber nicht, meint Leons Mutter. Zum einen sei die Handynutzung in der Schule verboten. Schwerer wiege aber die Angst, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Man weiß nie, was welche Reaktion nach sich zieht.“

Matthias Kieber unterrichtet Englisch und Gemeinschaftskunde am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neckarsulm. „Als die Benutzung hier noch erlaubt war, haben wir beobachtet, dass sich Fünft-, Sechst- und Siebtklässler kaum noch auf dem Flur unterhalten. Sie hingen alle am Handy“, sagt der 39-Jährige. Es folgte das Nutzungsverbot. „Fangenspielen, Tischtennis und Spielkarten sind zurückgekommen.“ Trotzdem sei man vom Totalverbot wieder abgerückt. „Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass man es möglich machen sollte, die Geräte im Unterricht zu verwenden“, sagt Kieber. Alles andere sei weltfremd und die Geräte viel zu präsent. „Mittlerweile ist die Verwendung im Unterricht in Ordnung, wenn der Lehrer es erlaubt.“ Außerdem dürften Oberstufenschüler in Freistunden recherchieren.

Die Chancen zu nutzen halte er aber für genauso wichtig, wie sich um die Probleme zu kümmern. Sowohl in seinem Englisch- als auch im Gemeinschaftsunterricht habe er schon mit Smartphones gearbeitet, sagt Matthias Kieber. „In Englisch haben sich die Schüler gegenseitig Fragen gestellt und beantwortet. In Gemeinschaftskunde gibt es einen kurzen Faktencheck per Handy, wenn jemand etwas behauptet, ohne Belege zu haben.“

Ähnlich sieht die Handy-Regelung an der Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule auf der Schanz in Heilbronn-Böckingen aus. „Die Schüler dürfen es dabei haben, aber wir wollen es nicht sehen oder hören“, sagt Schulleiter Harald Schröder. „Es sei denn, der Lehrer sagt, nehmt es aus der Tasche und macht damit etwas für die Schule. Zum Beispiel Fotos im Kunst-Unterricht.“ So sei es auch in der Schulordnung festgehalten. Den Möglichkeiten stünden aber auch Probleme gegenüber. „Es ist schon so einiges rund um die Handys vorgekommen“, sagt der Schulleiter. Vom Filmen im Unterricht über das Hochladen solcher Videos oder Fotos ins Netz bis zu Kommentaren übereinander. „Vieles davon passiert weder im Unterricht noch in der Schule oder mit Bezug zur Schule. Trotzdem betrifft es unseren Alltag und wir gehen solchen Sachen nach.“

Reaktionen auf Verstöße

Vor allem bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten reagiere man empfindlich, sagt Schröder. Eine Reihe von Sanktionen komme zum Einsatz – auch einen zeitweisen Unterrichtsausschluss habe es gegeben. „In solchen Fällen kommt aber viel zusammen, nicht nur Handyverstöße.“

Eine Folge seien Gespräche mit den Eltern. Die reagierten sehr unterschiedlich. „Manche erschrecken und wollen die Situation verbessern. Andere regen sich auf und meinen, dass uns das gar nichts angeht, was ihr Kind auf dem Handy macht.“ Auch die Kommunikation unter Erwachsenen habe sich verändert, ergänzt der Schulleiter. „Die Abkürzung WTF (kurz für: „What the fuck?“, deutsch: „Was soll die Scheiße?“) ist mir vorher nicht in Elternbriefen begegnet. Jetzt schon.“

Regeln und Strafen

Ein generelles Verbot, das Handy mit zur Schule zu bringen, könne die Schule nicht anordnen, sagt der Heilbronner Rechtsanwalt Ulrich Hekler. „Das wäre aus meiner Sicht unverhältnismäßig und daher rechtswidrig. Es würde den Erziehungsauftrag der Schulen überdehnen.“ Während des Unterrichts gelte aber sehr wohl ein Nutzungsverbot, auch in der Pause könne ein solches Verbot durch eine Schulordnung angeordnet werden. Außerhalb des Unterrichts dürften Lehrer das Handy dann einziehen, wenn ein solches Nutzungsverbot
bestehe. „Am Ende des Unterrichts oder des Schultages ist es aber wieder herauszugeben, das Einbehalten des Handys ist nur vorübergehend möglich.“ Im Wiederholungsfall kann die
Schule mit Disziplinarmaßnahmen reagieren, abhängig von der Schwere des Verstoßes – Verweis, Ausschluss vom Unterricht, Androhung mit Schulausschluss. 

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