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Kinder- und Jugendpsychiatrie überfüllt

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Suizidgedanken, Depressionen und Essstörungen haben bei Kindern und Jugendlichen in der Region aufgrund der Corona-Einschränkungen extrem zugenommen, berichten Mediziner. Die Isolation macht den jungen Menschen besonders zu schaffen, erläutert Claas van Aaken, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum am Weissenhof in Weinsberg. Dort ist der Akutbereich seit Wochen überbelegt. Die Notfallzahlen sind laut van Aaken seit Februar zwischen 30 und 50 Prozent höher als im Vorjahr. 
Wer nicht akut selbstmordgefährdet ist, muss deshalb länger auf eine Therapie warten oder wird früher entlassen, als es wünschenswert wäre, berichtet der Chefarzt. Diese Situation prangerte auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zuletzt an. „Es gibt psychiatrische Erkrankungen in einem Ausmaß, wie wir es noch nie erlebt haben. Die Kinder- und Jugendpsychiatrien sind voll, dort findet eine Triage statt“, sagte BVKJ-Sprecher Jakob Maske der „Rheinischen Post“.

Versorgung

Trotzdem betont Claas van Aaken: „Niemand muss Angst haben, abgewiesen zu werden.“ Alle, bei denen eine akute Gefahr für Leib und Leben besteht, würden aufgenommen und 24 Stunden versorgt. Das gelte nicht nur für die Region, sondern für ganz Deutschland. 
Das Hauptproblem ist aus seiner Sicht die Dauer der Lockdown-Maßnahmen. Wenn das Leben eines 14-Jährigen 14 Monate lang von Einschränkungen geprägt ist, sei das eine andere Belastung als bei einem 40-Jährigen. Erwachsene hätten ganz andere Routinen und stabilere Persönlichkeiten. Jugendliche bräuchten den sozialen Kontakt, müssten sich ausprobieren. „Das ist wichtig für das eigene stabile Selbstbild und die Persönlichkeitsentwicklung.“

Nach den ersten Einschränkungen 2020 seien die Belastungen nicht so groß gewesen wie jetzt. „Seit dem Spätherbst mit Monaten ohne Schule und Hobbys ist nun jedoch ein Punkt überschritten, wo das für junge Menschen problemlos aushaltbar wäre.“ Auch in der Kinder- und Jugendhilfe im Hohenlohekreis sind die Folgen der Pandemie deutlich spürbar. Fast ein Fünftel aller Fälle, die von Juni bis Dezember 2020 neu oder weiter bearbeitet wurden, sind durch Corona beeinflusst worden. Das hat eine Studie des Jugendamts ergeben. Noch nie habe es im Hohenlohekreis so viele Meldungen

gegeben, die auf eine Gefährdung des Kindeswohls hindeuten. In fast einem Drittel der Fälle sei es tatsächlich gefährdet gewesen: eine beträchtliche Steigerung zu 2019.

Erster Schritt

Dass in der Gesellschaft inzwischen ein Bewusstsein für das psychische Befinden von Kindern und Jugendlichen zu existieren scheint, ist laut van Aaken ein erster Schritt. Neben zügigen Öffnungen von Schulen und Freizeiteinrichtungen wünsche er sich aber auch, dass Kinder und Jugendliche zeitnah Zugang zu Impfungen erhalten. Gleichzeitig müssten Therapiemöglichkeiten ausgebaut werden. In Baden-Württemberg gebe es im Vergleich zu anderen Bundesländern nur wenig stationäre kinder- und jugendpsychiatrische Behandlungsplätze. 

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