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Nachts über den Zaun ins Freibad

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„Wir sind nicht erwischt worden, aber es war kurz davor“, erzählt Nicolai Sauselen. Der 30-jährige Erlenbacher lacht bei der Erinnerung an eine Jugendsünde. „Wir saßen bei einer Grillparty im Garten zusammen und hatten etwas getrunken. Es war eine warme Sommernacht und einer meinte: Es wäre cool, wenn wir jetzt einen Pool hätten.“ Eins führt zum anderen. Am Ende klettern die jungen Leute über den Zaun des nahen Obereisesheimer Freibads. Die Gefühle dabei: ein bisschen Muffensausen, Adrenalin im Körper, jede Menge Spaß.

Das Mofa frisieren und vor der Polizei Reißaus nehmen – der 61 Jahre alte Dieter Ackermann räumt seine Verfehlungen von einst freimütig ein. „Es kam alles raus.“ Heute ist Ackermann Kriminalhauptkommissar im Heilbronner Haus des Jugendrechts. „Jugendliche sind die, die an Grenzen gehen.“ Werde jemand das erste Mal beim Ladendiebstahl erwischt, müsse man denjenigen nicht wie einen Schwerverbrecher behandeln. Er warnt dennoch davor, jedes Fehlverhalten oder jede Straftat zu verharmlosen.

Etwa 20 bis 30 Prozent der jungen Leute, die die Grenzen des Erlaubten überschreiten, finden Ackermann zufolge nicht den Weg zurück in die Normalität. Die kriminelle Laufbahn fange oft mit Bagatelldelikten an. Ackermann beobachtet eine Grenzverschiebung. Straftaten verlagerten sich ins Internet, „den vermeintlich rechtsfreien Raum“. Dort kommt es zu Beleidigungen, Bedrohungen und zu sexualisierter Gewalt.

Welche Rolle die Clique im Jugendalter spielt, daran erinnert sich Árpád Csikós aus Bad Friedrichshall-Hagenbach. Er wächst in Heilbronn auf und ist etwa 13 Jahre alt, als er und die Kumpels dem ungeliebten Physiklehrer in der Hexennacht einen Chinaböller in den Briefkasten werfen und diesen zerfetzen. „Wer es war, ist nie wirklich herausgekommen.“ Die Clique habe zusammengestanden.

Bolzplatz

Die Treffen mit den Kumpels sind dem Gundelsheimer Tobias Gärtner in Erinnerung. Als Jugendlicher sind er und die Freunde viel draußen. Treffpunkt: Bolzplatz. Ab und zu gibt es Ärger mit den Anwohnern dort. Und ja, mal ein Bier, obwohl man noch keine 16 ist, das kommt vor. Alles in allem: „Wir waren eine vernünftige Clique“, sagt Gärtner. Der heute 42-Jährige vermutet, dass Vergehen heute schneller der Polizei gemeldet werden als zu seiner Jugendzeit. Früher hätte man die Ü

beltäter ausgemacht, wäre zu den Eltern gegangen und hätte es geregelt. Heute sei die Anonymität größer. Dieter Ackermann nennt einen weiteren Grund: „Man will sich nicht mehr der direkten Konfrontation aussetzen und erstattet lieber Anzeige.“ 

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