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Politik kann man lernen

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Ohne politisch aktive Jugendliche gäbe es in Sulzfeld kein Soccer-Feld, hätte sich nie eine Basketballgruppe für regelmäßige Treffen auf dem Schulhof gebildet, würde jetzt im Sommer dort keine Calisthenics-Anlage aufgebaut. Und ein Trampolin, das die Mitglieder des Jugendforums für jüngere Kinder neben den Outdoor-Fitnessgeräten für Eigengewichtsübungen einforderten. 

Kaum war sie 2010 im Amt, machte sich die damals selbst erst 30 Jahre junge Bürgermeisterin Sarina Pfründer für die Jugendarbeit in der 5000-Seelen-Gemeinde stark. Wie wichtig und spannend Kommunalpolitik ist, erfuhr sie bereits als 17-jährige Schülerin. Da berichtete die gebürtige Gemmingerin schon als freie Mitarbeiterin der Eppinger Zeitung (heute Kraichgau Stimme ) über den Eppinger Jugendgemeinderat. 

Verbindlich

2011 tagte dann erstmals das Jugendforum in Sulzfeld. „Das war je nach Thema sehr unterschiedlich stark besucht“, erinnert sich Pfründer. Sie sann auf Abhilfe, da der zweifachen Mutter die Beteiligung der Jugend nicht nur am Herzen liegt, sondern auch Paragraf 41 der baden-württembergischen Gemeindeordnung seit 2015 verbindlich vorschreibt: „Die Gemeinde soll Kinder und muss Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in angemessener Weise beteiligen.“  Wie konnte man es schaffen, regelmäßig eine repräsentative Anzahl der aktuell 370 Zwölf- bis 20-jährigen Sulzfelder zu versammeln, um den Jugendlichen die Bedeutung von Kommunalpolitik zu vermitteln und sie zum Austausch über die Gemeindearbeit anzuregen? Das Lösungsmodell kopierte die pfiffige Bürgermeisterin von Emmendingen. In Kooperation mit der Blanc-und-Fischer-Gemeinschaftsschule wurde der Achter-Rat gegründet: Die Sulzfelder Achtklässler lernen die Kommunalpolitik vor Ort in der Praxis kennen und sind feste Teilnehmer des Jugendforums.

„Da war Frau Pfründer ganz fix und hat uns mit ins Boot geholt“, erinnert sich Christian Dick. Der Lehrer unterrichtet eine der derzeit zwei achten Klassen an der einzigen weiterführenden Schule vor Ort in Gemeinschaftskunde. In dem Fach in diesem Jahrgang stehen Gemeindestrukturen auf dem Lehrplan. „Ich persönlich finde es voll toll, dass wir gezwungen werden, eine Möglichkeit zum Mitreden zu haben“, sagt Juliane Pichel. Die 14-Jährige, die sich überwiegend für Naturwissenschaften, aber auch für Geschichte interessiert, findet Sulzfeld „zum Aufwachsen sehr schön“. Dazu trägt nicht zuletzt bei, dass ihrer Wahrnehmung nach die Meinung von Jugendlichen im Ort ernst genommen wird. Dass viele der Schüler nicht in Sulzfeld selbst wohnen, sondern aus umliegenden Orten in die Kraichgaugemeinde pendeln, empfindet Bürgermeisterin Pfründer nicht als Nachteil: „Ich sehe den Achter-Rat allgemein als politische Bildung.“ Derzeit unterstützen die Forumteilnehmer Studierende der Hochschule Karlsruhe bei der Konzeption eines Jugendmobilitätsplans für ihre Region, da ist die Pendlererfahrung sogar nützlich. Zu diesem Zweck tagt das Jugendforum dreimal zu Workshops. Wie aktuell alle Veranstaltungen, fand auch der erste Mobilitätsworkshop im April online statt. „Schon dabei“, sagt Christian Dick fast staunend „kam doch einiges raus.“

Meinungsaustausch

Juliane, die von sich sagt: „Ich unterhalte mich extrem gerne mit anderen“, liegt als Sulzfelderin und bekennende „Stubenhockerin“ das Thema Mobilität gar nicht so sehr am Herzen. Bei den Treffen mit den Verkehrsplanungsstudenten findet sie ganz andere Aspekte wichtig: „Wir lernen dazu, wie wichtig Meinungsaustausch ist und auch, uns mit fremden Menschen zu unterhalten.“ Viele Mitschüler, bedauert sie, sprechen sonst nur mit ihnen bekannten Menschen.  Sulzfelder Teenies, die sich trauen, mit ihrer Bürgermeisterin zu sprechen, schenkt Sarina Pfründer aber auch einmal jährlich in der Jugendsprechstunde im Rathaus ein offenes Ohr.

Demokratieverständnis entwickeln

Dieses Schuljahr ist jedoch alles anders, alles online. Normalerweise erfahren die Achtklässler kurz nach Schuljahresbeginn live im Rathaus, wer dort welche Aufgaben innehat. Sie besuchen eine Gemeinderatssitzung, dürfen Räte und Bürgermeisterin interviewen und treffen sich in der Ravensburghalle. Bestes Beispiel für gelungene kommunale Jugendarbeit ist Isabell Steidel. Die 23-jährige Studentin sitzt seit 2019 für Die Grünen im Heilbronner Stadtrat und wird derzeit als Bundestagskandidatin für den Wahlkreis Heilbronn gehandelt. Von 2012 bis 2014 war sie im Jugendgemeinderat der Stadt: „Ich finde es ungeheuer wichtig, Jugendbeteiligung zu fördern. Nicht nur als Wahlrecht, sondern auch mit Partizipationsmöglichkeiten aller Art“, sagt sie. So lerne man, wie Demokratie funktioniert und welche Möglichkeiten man habe, sich einzubringen. Dass die Jugend auch politisch sei, zeigen auch „so Sachen wie Fridays-for-Future“.

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