Stimmt.de

Titelseite.indd
Stimmt! Magonline lesen!

Nachricht-Detail

Auswahl_1___Kopie

Rassistische Bemerkungen sind wie Mückenstiche

zurück zur Übersicht

Das Thema Rassismus ist im gesellschaftlichen Diskurs allgegenwärtig. Sei es durch die „Black Lives Matter“-Bewegung, durch die rassistisch motivierten Anschläge wie in Hanau, durch Rassismus-Vorwürfe innerhalb des Polizeiapparats oder ganz aktuell durch den Wirbel um die rassistischen Äußerungen von Ex-Nationaltorhüter Jens Lehmann in einer Whats App-Nachricht. „Rassismus wird man nicht los, nur weil man behauptet, nicht rassistisch zu sein“, sagt die Journalistin, Autorin und Podcasterin Alice Hasters, die am Dienstagabend zu Gast in einer Online-Lesung der Stadtbibliothek Heilbronn war. Um die 90 Teilnehmer verfolgten die Veranstaltung, die vom 360 Grad Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaften der Kulturstiftung des Bundes gefördert wurde.

Hasters, Jahrgang 1989, liest aus ihrem Bestseller-Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“, spricht mit Moderatorin Kokutekeleza Musebeni über ihre ganz persönlichen Erfahrungen. Einblicke gibt sie in drei Kapiteln, in denen sie beschreibt, wie Rassismus ihren Alltag als schwarze Frau prägt. Ob Menschen, die ihre Haare ungefragt anfassen wollen, oder andere, die, – der Klassiker – wissen wollen, wo sie „eigentlich herkommt“. „Rassismus ist stark im System verankert. Das läuft bei den Menschen meist unterbewusst ab“, sagt die Autorin, die mittlerweile in Berlin lebt.

Beziehung

Ein Blick geht auf Köln-Nippes, den Stadtteil, in dem Hasters aufgewachsen ist. Genauer gesagt in einen Kaffeeladen, in dem eine Trinkgelddose mit einer schwarzen Figur aufgestellt ist, die die Münzen im Mund verschwinden lässt, und somit den weißen Menschen buchstäblich das Geld aus der Hand frisst. Oder wie im Kapitel „Liebe“ tief hinein ins Privatleben. Dort skizziert sie die Beziehung mit ihrem weißen Ex-Freund, bei dem sie, obwohl er weltoffen und tolerant sei, auch hier Aufklärungsarbeit in Sachen Alltagsrassismus leisten muss. Als Weißer, sagt sie, sei es nun mal leichter, sich auf ausgeschriebene Stellen oder freie Mietwohnungen zu bewerben. 

Hasters zieht Beispiele heran wie das einer deutschen Hijabi, die täglich verdutzte Blicke bekommt, wenn sie perfekt Deutsch spricht, oder das eines schwarzen Mannes, der in seinem Leben in Hunderte verängstigte Gesichter blickt oder Menschen erlebt, die die Straßenseite wechseln. „Man bekommt diese Momente mit“, sagt die Autorin und beschreibt sie als „Mückenstiche“. Kaum sichtbar, im Einzelnen zwar auszuhalten, doch in der Summe sei der Schmerz unerträglich. Diese Mückenstiche nennt man Mikroaggressionen. Auch aus ihrer eigenen Biografie hat Hasters dafür einige Beispiele. Etwa, wenn sie komisch angestarrt wird, wenn sie als schwarze Frau durch die Straßen geht, oder, wenn in der Straßenbahn die Sitznachbarin nervös wird und ihre Tasche vorsichtshalber auf die andere Seite stellt. Nach mehr als 90 Minuten endet eine spannende, digitale Lesung – der Pandemie-Situation angepasst – mit viel digitalem Applaus.

„Rassismus ist stark im System verankert.“ - Alice Hasters

Zur Person

Alice Hasters wurde am 10. Juni 1989 in Köln geboren. Als jüngste von drei Töchtern ihrer schwarzen US-amerikanischen Mutter und ihres weißen deutschen Vaters verbrachte Alice Hasters ihre Kindheit und Jugend größtenteils im Kölner Stadtteil Nippes. Sie arbeitet als Journalistin und Buchautorin, moderiert mehrere Podcasts, unter anderem „Feuer und Brot“ mit ihrer Kollegin Maximiliane Häcke. Alice Hasters lebt in Berlin. 

Buchtipp und weitere Lesung

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, Hanser Verlag, München, 224 Seiten, 17 Euro. 

Am 14. Juli um 19 Uhr liest Dr. Natasha A. Kelly aus ihrem Buch „Rassismus – Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen“ im Deutschhof. Kostenlose Anmeldungen sind möglich per Mail an Bibliothek@Heilbronn.de

Galerien

Regionale Events