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Streamingdienste sind Fluch und Segen zugleich

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Die Musikbranche ist stark gebeutelt. Corona hat nicht nur die Einnahmen aus dem Live-Sektor komplett zum Erliegen gebracht – auch durch das Musikstreaming auf Plattformen wie Spotify, Deezer, iTunes oder Amazon Prime Music bleibt bei den Künstlern trotz wachsender Nutzerzahlen immer weniger Geld hängen. Wie gehen Musiker und Bands aus der Region damit um? 

„Wenn wir 1000 Euro im Monat durch Streaming verdienen wollten, bräuchten wir 60 Millionen Streams im Jahr“, erklärt Jan Pascal und seufzt. Zusammen mit Alexander Kilian bildet er das Gitarren-Duo Café del Mundo aus Schöntal und Buchen. Doch die Realität sieht anders aus und macht die beiden Berufsmusiker wütend. Um die 100 Euro haben Café del Mundo in einer Abrechnung für das zweite Halbjahr 2020 erhalten. Auf allen gängigen Plattformen sind sie mit ihrer Musik vertreten, in dem Zeitraum wurden ihre Lieder dort 125 591 Mal gestreamt. 0,0008 Euro bekommen die Musiker pro Song und Stream beispielsweise beim Branchenführer Spotify. Vertraglich vereinbart erhalten die Musiker von ihrem Verlag eine Vergütung von 20 Prozent. „Durch den derzeitigen Wegfall der Auftrittsgagen wird es noch sichtbarer, wie wenig dabei rumkommt. Es ist derzeit wie unter einem Brennglas“, sagt Alexander Kilian.

Modell

„Die Grundidee der Streamingdienste ist gut, aber die Vergütung ist das Problem. Diese Digitalplattformen sind Ausbeuter“, sagt Kilian mit Nachdruck. „Das kapitalistische Wesen durchdringt alles“, ergänzt Jan Pascal. Doch wie viel müsste den Künstlern gezahlt werden, damit es sich auch rentiert? Jan Pascal hat es ausgerechnet. „20 Cent pro Stream wären angebracht, um reelle Produktionskosten zu decken, dazu kommt die Zeit, ein Instrument zu lernen, ein CD-Cover zu erstellen und so weiter.“ Aktuell zahlt beispielsweise der Branchenführer Spotify nach dem Pro-Rata-Modell: Dabei wird nur die Gesamtanzahl der Streams berücksichtigt, alle Einnahmen fließen in einen Topf, es wird nach der Zahl der Klicks abgerechnet. Dabei kann viel Geld von Nutzern bei Acts landen, die sie nie gehört haben. Die beiden Musiker von Café del Mundo sehen aber auch die Vorteile der Dienste. „Es ist bequem. Man hat überall auf der Welt seine Lieblingsmusik dabei, quasi in der Hosentasche“, sagt Alexander Kilian. Was sich die Musiker wünschen? „Politische Vorgaben, und das Bewusstsein bei den Leuten muss geschärft werden.“ 

Für Felix Seyboth sind die Streamingdienste Fluch und Segen zugleich. Der 24-Jährige ist Sänger von Neeve aus Weinsberg. Die Indie-Band ist in den sozialen Medien sehr aktiv und veröffentlicht regelmäßig neue Singles – nicht auf physischen Tonträgern, sondern ausschließlich via Streaming oder Download. Bei Spotify haben die Singles teilweise schon über 100 000 Streams. Die klägliche Vergütung ihrer Musik sieht Seyboth kritisch. Trotzdem sagt er: „Es klingt traurig, aber uns ist im Moment Reichweite wichtiger als Geld. Für junge Bands sind die Plattformen ideal, um Aufmerksamkeit zu bekommen und Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Vielleicht werden die Hörer zu Fans und kommen zu einem Konzert oder kaufen Merchandise. Das ist unsere langfristige Strategie.“ Wichtig sei bei Streamingdiensten wie Spotify auch, ob man in größeren, beworbenen Playlists auftauche. „Das ist aber wirklich ein Glücksspiel, Qualität ist kein Kriterium. Als kleiner Künstler hat man es da oft schwer. Es ist ein Spielfeld der großen Labels“, sagt Seyboth. 

Ähnlich gespalten ist auch die Heilbronner Singer-Songwriterin San Beth. „Das System ist angepasst an die digitale Zeit. Auch mit den CDs hat man vorher nicht mehr wirklich Geld verdient. Ich versuche die Vorteile zu sehen, aber verstehe auch die Nachteile. Klar ist aber auch: Die Lieder werden beim Streamen eher konsumiert, die Ansprüche sinken.“ Fehlende Wertschätzung macht sie aber auch außerhalb der Streamingdienste fest. „Musiker bekommen bei vielen Auftritten keine oder nur wenig Gage. Für viele ist das Alltag“, sagt die Musikerin, die mit ihrer Band am 30. April eine neue Live-EP veröffentlicht hat.

Die Musiker von Café del Mundo haben sich nun etwas Neues überlegt, einen „konsequenten Schritt“, um eine Alternative schaffen. Das neue Album „Guitar Supernova“, das Ende Juni erscheinen wird, soll nicht nur in physischer Form, also als CD und Schallplatte, erscheinen, sondern auch über eine eigene Streaming-App. Auf den gängigen Plattformen wird das Album nicht erscheinen. „Für 99 Cent im Monat können unsere Fans die Musik unlimitiert hören, auch unsere Podcasts. Wir haben dafür eine On-Demand-Streaminglizenz erworben. Es wäre gut, wenn durch solche Aktionen ein Bewusstsein geschaffen werden würde“, sagt Jan Pascal.

Anbieter

Streaming ist durch Dienste wie Spotify, Tidal und Amazon Music zu einem wichtigen Instrument in der Musikindustrie geworden. Laut Bundesverband Musikindustrie (BVMI)
liegt der Marktanteil von Musikstreaming-Diensten allein in Deutschland mittlerweile bei 46,4 Prozent. Marktführer ist Spotify, wo 70 Millionen Musiktitel und mehr als 2,6
Millionen Podcasts gehört oder auf die eigene Bibliothek abgelegt werden. Mit 356 Millionen aktiven Nutzern, von denen 158 Millionen zahlende Abonnenten sind, ist Spotify
derzeit der weltweit größte Audio-Streaming-Abonnementdienst. 

 



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