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Das Gefühl, die wichtigste Zeit verloren zu haben

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Wer hätte gedacht, dass der Leiter des Jugendhauses in Weinsberg und dessen Besucher sich im Mai 2021 immer noch auf Gespräche via Bildschirm oder Display beschränken müssen? Wir haben mit dem 32-Jährigen Sascha Vater über seine eigene und die Gemütslage seiner Schützlinge gesprochen. 

Herr Vater, wie ist Ihre Stimmung im zweiten Jahr der Pandemie?

Sascha Vater: Das erste dreiviertel Jahr habe ich für mich genutzt, um in meinem Inneren aufzuräumen. Denn ich glaube, wir werden im Leben nie mehr so viel Zeit haben wie jetzt. Ich habe anfangs davon profitiert, weil ich im Kopf einiges klar bekommen habe. Aber irgendwann ist bei mir – wie bei den meisten anderen auch – der Punkt gekommen, an dem es genug war mit dem Für-sich-sein. Nun fehlen mir Veranstaltungen, mir fehlt es, mal essen zu gehen, und ich möchte nicht schon um 22 Uhr daheim sein müssen. 

Wie haben Sie mit den jungen Leuten Kontakt gehalten, die normalerweise ins Jugendhaus kommen?

Vater: Fast nur digital, bis auf ein paar Wochen im Sommer. Da hatten wir offen, mit eingeschränkten Besuchszeiten und mit Voranmeldung. 90 Prozent lief über Instagram. Wir haben Quizze angeboten, Live-Konferenzen, wir machen Kochangebote, Challenges und stellen Do-It-Yourself-Videos ins Netz. Außerdem haben wir einen Podcast auf You Tube: YOUth – Dein Podcast. 

Zu welchen Themen?

Vater: Wir laden Jugendliche oder Experten zu bestimmten Themen ein, zum Beispiel zu Konsum, Veganismus oder Ausbildung. Bist jetzt haben wir 16 Podcasts gemacht. Pro Podcast haben wir zwischen 200 und 300 Aufrufe. 


Sie machen sich viel Mühe. Kann das den persönlichen Kontakt ersetzen?

Vater: Nein, auf keinen Fall. Die Jugendlichen können uns allerdings auch für Einzelgespräche und für Beratung kontaktieren. Das wurde anfangs sehr gut angenommen. 2021 ist es aber etwas abgeflacht. 

Warum?

Vater: 2020 gab es noch mehr Beratungsbedarf als jetzt. Ich denke, die Pandemie ist für die jungen Menschen ein Stück weit Normalität geworden. Außerdem gibt es noch andere Möglichkeiten, Kontakt zu uns aufzunehmen. 

Liegt es womöglich auch daran, dass sich Ihre Klientel im Dauer-Lockdown abgekapselt hat?

Vater: Das ist schwer einzuschätzen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Prioritäten sich etwas verschoben haben. Manche haben zum Beispiel mehr Zusammenhalt in der Familie gefunden. Das wäre ja eine gute Sache. Außerdem haben wir trotz allem noch viel Austausch. 

Wie schätzen Sie die Gemütslage bei den Jugendlichen ein?

Vater: Ich denke, sie haben die Nase voll. Sie haben teilweise resigniert, denn sie sind ja machtlos. Mein Eindruck ist außerdem, dass sie die Nase voll von der Digitalisierung und von den sozialen Medien haben. 

Wirklich?
Vater: Ja. Man muss sich das mal vorstellen: Die sitzen bis zu acht Stunden täglich im Homeschooling. Da hat man hinterher nicht mehr unbedingt Lust, am Rechner zu sitzen oder mit dem Handy zu daddeln. 

Das ist doch gut!

Vater: Ja. Aber es fehlt der soziale Ausgleich im echten Leben. Es gibt keine Sportangebote, keine Möglichkeit, sich zu treffen – einfach keine Gelegenheit, sein gewohntes Leben zu führen und Dinge zu tun, die früher selbstverständlich waren. Manche versuchen, die Zeit zu nutzen. Sie machen Sport für sich oder fragen nach Büchern. Doch bei den meisten ist die Grundstimmung wie beim Rest der Welt. 

Ja, leider geht es allen so.

Vater: Aber für junge Leute ist es nochmal was anderes, wenn sie nicht mehr mit ihren Freunden zum Shoppen nach Heilbronn fahren oder sich mit ihrer Clique treffen können. Es ist schlimm für sie, dass sie ihr junges Leben nicht ausleben können. Dass sie keinen Blödsinn machen oder mal bis morgens um fünf in einem Club abhängen können. Bei einer Online-Umfrage, die ich gemacht habe, war eine Antwort auf die Frage, was am schlimmsten an Corona ist: ,,Die wichtigste Lebenszeit verloren zu haben.''

Es könnte passieren, dass bald die Alten im Biergarten sitzen, weil sie geimpft sind, und die Jungen daheim bleiben müssen, weil sie sich noch nicht impfen lassen können.

Vater: Ja, da muss sich was tun. Es muss Angebote für junge, ungeimpfte Menschen geben. 

Was wollen Sie selbst unternehmen?

Vater: Sobald es die Zahlen zulassen, werden wir ganz basic und kurzweilig etwas organisieren: grillen etwa und ums Feuer sitzen. Ich denke, über solche Angebote würden sich junge Menschen freuen. 

Nehmen sie dauerhaft Schaden durch den langen Lockdown?

Vater: Mein Eindruck ist: Die Leute sind generell schneller gereizt. Ob das speziell auch für Jugendliche gilt, kann ich schwer einschätzen, denn ich sehe sie nur einzeln, nicht als Gruppe. Es könnte schon sein, dass etwas hängen bleibt. Es gibt solche und solche – das war allerdings auch schon vor Corona so. 

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