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Was bedeutet Religion für dich?

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„Ich glaube an Gott.” So antworteten 52 Prozent der mehr als 7000 jungen Menschen bei einer repräsentativen Befragung der Universität Tübingen im Jahr 2018. Ein Jahr später befindet sich die Zahl der Kirchenaustritte auf einem historischen Höchststand: 2019 traten über eine halbe Million Menschen in Deutschland aus der Kirche aus. Was bewegt junge Menschen heute noch, dass sie sich für ihren Glauben und ihre Religion entscheiden? Wir haben fünf junge Menschen aus der Region gefragt.

Respekt und Treue

„Ich glaube, dass es Gott gibt, und dass ich mit all meinen Mitmenschen gut umgehen soll. Egal, wer das ist, man sollte alle gleich und mit Respekt behandeln. Mir hilft die Gemeinschaft mit anderen Christen, um das umzusetzen, was in der Bibel steht. Man kann sich gegenseitig helfen, wenn man etwas nicht versteht. So versuche ich in der Schule, Streit zu schlichten.

Die Geschichten der Bibel sind für mich gar nicht so weit weg vom Alltag, auch wenn sie in der Vergangenheit spielen. Manche Andachten oder Gottesdienste fallen mir im Alltag ein. Zum Glauben gekommen bin ich im Konfirmandenunterricht. Ich habe gemerkt: Da steckt was hinter dem Glauben; das will ich in meinen Alltag integrieren. Nach der Konfirmation 2019 wollte ich bei einer Jungschar in Schwaigern mitarbeiten, das hat sich aber wegen Corona zerschlagen. Mein Lieblingsvers steht im ersten Kapitel des Römerbriefs. Mir gefällt daran die rettende Treue Gottes.“

Maura Ostertag, 15, Schülerin, Schwaigern -  evangelische Christin

Freiheit durch Erfahrung

„Ich glaube nicht an eine höhere Macht, sondern an mich selbst und dass ich selbst Entscheidungen treffen kann. Das Karma zeigt sich in Ursache und Wirkung. Man bekommt das zurück, wofür man selbst die Ursachen gesetzt hat. Mir geht es im Glauben darum, Erfahrungen zu sammeln. Ich kann nur an das glauben, was ich selbst herausgefunden habe. Meine Eltern sind im buddhistischen Zentrum Heilbronn zum Buddhismus gekommen, als ich drei Jahre alt war. Ich würde mich aber nicht als praktizierende Buddhistin bezeichnen, denn ich will diesen Glauben erst selbst für mich entdecken.

Es gibt einige Vorurteile gegenüber dem Buddhismus. Für mich bedeutet er nicht nur Räucherstäbchen. Es ist eine Erfahrungsreligion. Wir haben keinen Gott, der außerhalb von uns sitzt, und uns belohnt oder bestraft. Durch Ursache und Wirkung sind wir unseres eigenen Glückes Schmied. Die Freiheit, die mir der Buddhismus gibt, und die Erfahrungen, die ich nutzen kann, begeistern mich daran.“

Mia Yilmaz, 14, Schülerin, Steinheim an der Murr/Heilbronn - Buddhistin

Gott als Energie

„In den katholischen Glauben bin ich reingewachsen. Ich bin katholisch getauft, als Kind war ich in einem katholischen Kindergarten. Nach der Kommunion mit acht Jahren bin ich in der St.-Martinus-Gemeinde in Heilbronn Ministrantin geworden. Mit meinem Großvater bin ich oft in die Kirche gegangen, und wir gehen heute noch gemeinsam zur Messe. Schon seit zehn Jahren assistiere ich dem Priester im Gottesdienst. Jeder stellt sich unter Gott etwas anderes vor. Ich glaube an eine Geisteskraft, die wir Gott nennen. Wo die Vorstellungskraft endet, beginnt bei mir der Glaube. Ich will so leben, wie Jesus uns dazu angeleitet und uns ein Beispiel gegeben hat. Deshalb sind mir Nächstenliebe und das Gute zu tun wichtig.

Ich will nicht aufgeben, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Gott ist für mich wie Energie, dadurch wird das Dasein und die Entstehung der Welt auch viel begreiflicher für mich. Gelebter Glaube im Alltag erfüllt sich bei mir im Dienst am Nächsten und dass wir im Glauben zusammenhalten.  Ich denke, dass ich, auch wegen meiner Lebensausrichtung auf Jesus hin, hilfsbereit bin. In meiner Ausbildung zur Pflegefachkraft kann ich Menschen helfen, da kommt nach Gesprächen so viel Dankbarkeit zurück. Schweres ertrage ich leichter durch Gebete mit eigenen Worten. Die Reaktionen von meinen Mitmenschen auf meinen Glaubensweg waren durchweg positiv. Bei Glaubenszweifeln rede ich mit meinem Großvater. Wir sind einer Meinung, dass es nichts bringt, den Glauben dauernd infrage zu stellen. Was Jesus uns vorlebte war so gut – warum sollte man ständig daran zweifeln?“

Kim Kristin Suchy, 18, Auszubildende, Stuttgart/Heilbronn - Katholikin

Bibel im Fokus

„Durch meine Eltern bin ich als Zeugin Jehovas aufgewachsen. Die Zeugen Jehovas glauben, dass Gott Jehovas heißt, wir glauben nicht an die Dreieinigkeit und die Bibel ist uns wichtiger als die Tradition. Ich gehe nach Bretzfeld in eine Gemeinde. Ich habe mich dann aber gefragt: Möchte ich das glauben, oder ist das nicht das Wahre für mich? Als ich mich mehr mit der Bibel beschäftigt habe, habe ich beschlossen, dass ich diesen Glauben annehmen möchte. Ich habe gemerkt: Die Bibel ist vertrauenswürdig. Sie beeinflusst mich in allen Lebensbereichen. Täglich lese ich morgens einen kurzen biblischen Gedanken, gehe zweimal die Woche in den Gottesdienst und bei Entscheidungen suche ich nach einem Ratschlag in der Bibel. An meine Mitmenschen schreibe ich Briefe mit biblischen Gedanken.

Mit meiner Religion gehe ich offen um, die Rückmeldungen von meinen Mitmenschen waren fast alle sehr positiv. Manche finden es aber auch seltsam oder können es nicht nachvollziehen. Zweifel finde ich grundsätzlich hilfreich, weil sie zeigen, dass man über etwas nachgedacht hat. Mit der Bibel, Büchern  kann ich herausfinden, was die Bibel zum Thema sagt und was das für mich bedeutet. Mir gibt mein Glaube Sinn im Leben, eine Gemeinschaft durch die Jugendlichen in meinem Alter und positive Energie. Als weltweite Einheit haben wir Zeugen Jehovas eine Hoffnung für die Zukunft, die uns hilft, schwierige Situationen durchzustehen.“

Nele-Chiara Paulisch, 17, Auszubildende, Öhringen - Zeugin Jehovas

Kraft durch Gebet

„Ich bin in einer muslimischen Familie aufgewachsen, habe früh den Koran gelesen und bin deshalb überzeugt von meinem Glauben. Der Koran begeistert mich an vielen Stellen, zum Beispiel heißt es darin, dass man jedem seinen Glauben lassen soll. Manche Leute denken schlecht von Muslimen und halten sie schnell für Terroristen, dabei heißt es auch im Koran, dass wer einen Menschen tötet, er damit die ganze Menschheit tötet. In meiner Freizeit bete ich viel. Wichtig ist mir das Freitagsgebet, dort legt der Imam nach dem Gebet den Koran aus. Weil ich aus Afghanistan komme, kann ich aber weder Türkisch noch Arabisch, deshalb verstehe ich den Imam nicht und bete nur für mich allein. Bevor ich zu arbeiten begonnen habe, habe ich zweimal am Tag gebetet.

Ich will zu allen Menschen nett sein und alle respektieren, egal welche Herkunft oder Religion sie haben. Ich esse kein Schweinefleisch, keine Gelatine und verzichte auf Alkohol und Drogen, Rauchen ist mein einziges Laster. Mit meinen Freunden rede ich nicht viel über meinen Glauben. Die meisten sind ebenfalls Muslime, die anderen interessiert das Thema Religion weniger. Kraft gibt mir mein Glaube, weil ich meine Sorgen und Probleme bei Gott im Gebet loswerden kann.“

Ajab Sherzad, 20, Servicekraft in der Gastronomie, Heilbronn - Muslim

Wichtige Feste in den Religionen

Der nächste christliche Feiertag, Pfingsten, ist am 23. Mai. An Pfingsten sollen Jesus‘ Jünger den Heiligen Geist empfangen haben. Anders als weitgehend vermutet, ist nicht Weihnachten das wichtigste christliche Fest, sondern Ostern, wenn die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird. Neben Ostern ist auch das Datum von Vesakh vom Vollmond abhängig. Dieses Jahr findet das höchste buddhistische Fest am 26. Mai statt. Dann feiern Buddhisten die Geburt, die Erleuchtung und den Gang ins Nirwana des Buddhas, die alle in einer Vollmondnacht im Mai stattgefunden haben sollen. Das Fest wird mit Lichtern, Laternen, vielen Buddha-Bildern, Gebeten und Geschenken gefeiert.

Neben dem islamischen Opferfest ist das Fastenbrechen am Ende des Fastenmonats Ramadan der höchste muslimische Feiertag. Weil Kinder dabei oft Süßigkeiten bekommen, wird es auch das Zuckerfest genannt. Dieses Jahr findet es am 12. Mai statt. Neben Gebeten und Essen wird beim dreitägigen Fastenbrechen auch der Toten gedacht, und man beschenkt sich in der Familie. Die Zeugen Jehovas feiern nur das Abendmahl. Feste wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag lehnen sie ab, weil sie sie für nichtbiblisch halten oder weil sie einen heidnischen Ursprung haben. Der Termin des Gedächtnismahls hängt vom jüdischen Mondkalender ab, der schon zu Zeiten Jesu benutzt wurde – dieses Jahr war es am 27. März. 

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