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Meinungsfreiheit ist wichtig

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Vor sieben Jahren hat Dennis Decker die Facebook-Gruppe „Du bist aus Heilbronn wenn (unzensiert)“ gegründet. Im Interview erklärt er, warum ihm Meinungsfreiheit wichtig ist, auch wenn es wehtut. 

Warum heißt die Gruppe „Du bist aus Heilbronn wenn (unzensiert)“ ?

Dennis Decker: Einfach, um zu zeigen, dass es gut ist, wenn man seine Meinung vertritt. Egal, ob man sich über den Verkehr oder die Politiker Luft macht. Ich kann meine Meinung testen gegen andere und meine Meinung vielleicht ändern. Oder ich werde darin gefestigt. Ich diskutiere ja selbst gerne, aber immer im frotzeligen Bereich. Sich einfach nicht so ernst nehmen. So entsteht ein Blumenstrauß an Meinungen. 

Wieso haben Sie die Gruppe gegründet?

Decker: Ich habe in einer anderen bekannten Heilbronn-Gruppe gefragt, ob jemand jemanden kennt, der privat Haare schneidet. Die Frage wurde sofort gelöscht, ohne Kommentar. Diese Ohnmacht fand ich richtig blöd. Ich dachte mir also, ich gründe selbst eine Gruppe, in der wirklich jeder seine Meinung sagen kann. 

Hat das geklappt?

Decker: Inzwischen ist sie fast zu groß, um die Qualität zu halten. Anfangs haben wir noch Querulanten rausgepickt, wenn sie etwa rechtes Gedankengut verbreitet haben. Dann fragt man einfach mal nach, was das soll. Das hat Spaß gemacht, weil daraus oft ein gutes Gespräch entstand und manche einlenken. Das ist schwieriger geworden. Wenn du heute einen rauspickst, hast du sofort hunderte Leute, die denjenigen bestärken und sagen: Du musst dich nicht rechtfertigen! Mir wär's lieber, die Gruppe wäre kleiner und die Qualität besser. 

Ist der Begriff „Zensur“ angemessen?

Decker: Ja. Es kommt mir schon lange so vor, dass man gewisse Sachen nicht sagen darf. 

Woher kommt das?

Decker: Ich habe den Eindruck, dass es in der Schule losgeht. Als meine Tochter klein war, fragte sie einen Freund, der gehbehindert ist, warum er so komisch läuft. Aus einem Kindermund ist das völlig in Ordnung. Aber es gibt Erwachsene, die Kinder da stoppen und sagen: So darf man das nicht sagen! Oft ohne Erklärung, wie man es besser formulieren könnte. Man wird als Kind schon sanktioniert. 

Welche Beispiele gibt es noch?

Decker: Meinungen ändern ist auch ein Problem. Wer seine Meinung ändert, gilt als Fähnchen im Wind. Dabei ist das doch eigentlich etwas Gutes, weil es bedeutet, dass man dazugelernt hat. Dadurch ist auch das Zurückrudern zur Schwäche geworden. Fast niemand sagt mehr: Sorry, das war mein Fehler! 

Sehen Sie das auch in der Politik?

Decker: Natürlich. Es wird immer von „Herausforderung“ gesprochen. Wenn ich einen Berg erklimmen will, ist das eine Herausforderung. Wenn Kinder darunter leiden, dass sie nicht in die Schule gehen können, ist das keine Herausforderung, sondern ein Problem. So redet man sich die Welt schön. 

Welche Rolle spielen soziale Medien?

Decker: Das wird immer wichtiger. Man wird nicht darauf vorbereitet, was es bedeutet, seine Meinung offen zu sagen und welche Konsequenzen das haben kann. Das geht so weit, dass man gekündigt werden kann, wenn man sich im Internet wie die Axt im Walde bewegt. Vielen ist das nicht bewusst. 

Haben die nicht verstanden, dass am anderen Ende ein Mensch sitzt?

Decker: Nein, wahrscheinlich nicht. Die meisten Querulanten sind richtig coole Leute. Da bin ich mir ganz sicher. Im Netz entlädt sich eben Wut, die sich bei manchen angestaut hat. 

Wie verteilen sich Querulanten und Mitleser?

Decker: Ein paar sind sehr aktiv und posten viele Beiträge. Manche posten aber zum Beispiel einen Artikel, von dem sie genau wissen, dass eine Diskussion angeheizt wird – wie neulich über die Absage des Moschee-Neubaus in Heilbronn. Man weiß, was dahinter steckt. Ich mag das nicht und finde es nicht gut. Aber es muss stehen bleiben. Solche Mechanismen kann man nur erklären. 

Wann greifen Sie ein?

Decker: Wenn es persönlich wird und wirklich beleidigend wird. Oder wenn provoziert wird und klar ist, dass es nur ums Aufheizen geht. 

Vor Kurzem schrieb einer: „Wer Grün wählt, ist doof.“ Dazu mehrere Links zu Verschwörungstheorien.

Decker: Das lässt sich alles runterkochen. Man sucht sich immer irgendeine Sau, die man durchs Dorf treiben kann. Und gerade hat man mehr als genug Säue. Das Bemerkenswerte ist aber: An allem gibt es ein Fünkchen Wahrheit. 

Wie meinen Sie das?

Decker: Wenn jemand sagt: Die Politiker stopfen sich die eigene Tasche voll, ist da ein bisschen was dran, wie man bei der CDU-Masken-Affäre gesehen hat. Wenn manche sagen, dass die Corona-Maßnahmen überzogen sind, ist das nicht völlig falsch. 

Aber führen wilde Verschwörungstheorien zu einer guten Diskussion?

Decker: Da geht es viel um Geltungsbedarf. Man weiß etwas, was niemand sonst weiß. Aber es interessiert die Leute auch, weil es komplett gegensätzlich zu ihrem normalen Denken ist. Jeder hat doch mal gegoogelt, was es mit der Theorie der flachen Erde auf sich hat, einfach, weil es so faszinierend ist. Ich habe den Eindruck: Es gibt nur noch Schwarz und Weiß. Du wirst heutzutage direkt in eine Schublade gesteckt. 

Wie löst man das Problem?

Decker: Die, die was beizutragen haben, sind viel zu leise. Die, die nur Wut in sich haben, sind laut. Deswegen wirkt es so, als ob es da draußen nur Idioten gäbe. Das ist nicht so. 

Über welche Beiträge freuen Sie sich?

Decker: Über Fotos von Heilbronn. Über Linda Krümel, die immer die Corona-Zahlen postet. Das ist absolut toll. Ich freue mich auch, wenn jemand eine kontroverse Diskussion aufmacht. Aber am allermeisten freut mich, wenn jemand schreibt: Da hast du recht. Der wirklich Mutige kann auch zurückrudern. 

Zur Person

Dennis Decker ist in Stuttgart geboren und in der Region aufgewachsen. Nachdem der Webentwickler in Lauffen, Heilbronn und Mallorca lebte, wohnt er heute in Talheim mit seiner Tochter. 2014 hat der 45-Jährige die Facebook- Gruppe „Du bist aus Heilbronn wenn (unzensiert)“ gegründet, die heute rund 17500 Mitglieder hat. Er selbst verbringt darin rund eine
Stunde am Tag. „Ich bin ein kleiner Hobby-Philosoph“, sagt er über sich selbst. „Ich diskutiere selbst gerne.“

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