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Der unsichtbare Rucksack der Young Carers

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Sich auszuprobieren und den eigenen Weg gehen – darum soll es eigentlich beim Erwachsenwerden gehen. Doch viele Jugendliche können sich nicht so einfach von ihrem Elternhaus loslösen. Denn sie tragen die Verantwortung für ihre Angehörigen, die sie pflegen müssen, wie einen unsichtbaren Rucksack. Die Studie der Universität Witten/Herdecke aus dem Jahr 2017 geht von rund 480 000 Kinder und Jugendlichen mit Pflegeverantwortung in Deutschland aus. Diese pflegenden Minderjährigen werden als Young Carers bezeichnet.

Weit gefächert

Bei Pflege wird meist noch an die Versorgung von älteren Menschen gedacht, die beispielsweise Hilfe beim Anziehen oder Essen benötigen. Aber Angehörigenpflege ist wesentlich vielfältiger: Auch jüngere Personen können aufgrund von Erkrankungen, Behinderungen oder Unfällen plötzlich auf Unterstützung oder langsam immer mehr auf Beistand im Alltag angewiesen sein.  Die Aufgaben, die Young Carers übernehmen, sind weit gefächert: Manche helfen bei der Pflege der Großeltern, die vielleicht dement sind, andere kümmern sich um ihre Geschwister mit Behinderung. Bei vielen Familien sind die Rollen auch vertauscht, da sich die Kinder, um die Eltern kümmern, die erkrankt sind, wozu auch psychische Krankheiten oder Suchtprobleme zählen. Manchmal kümmern sich die jungen Pflegenden auch um mehrere Familienmitglieder. Gemeinsam ist ihnen, dass sich dies alles häufig vor Ausschluss der Öffentlichkeit abspielt. 

Emma Weber aus Nordheim packte von klein mit an bei der Versorgung ihres zwei Jahre jüngeren Bruders, der mit Wirbelsäulendeformation Spina Bifida geboren ist und im Rollstuhl sitzt:  "Ich habe dabei geholfen, meinem Bruder die Windeln zu wechseln, habe Essen gemacht, im Haushalt geholfen, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und auf ihn aufgepasst, sowie zu verschiedenen Terminen begleitet", erzählt die 28-Jährige. In ihrer Familie war es aber normal, dass man sich gegenseitig unterstützt und jeder in Aufgaben mit einbezogen wird, so fühlte sich Emma nicht überfordert. Auch weil ihre Mutter die meiste Arbeit übernommen und Last getragen hat. Für sie hätte sie sich weitaus mehr Unterstützung gewünscht: "Der ganze Kampf mit den Behörden, Krankenkassen und sogar teilweise Ärzten war eine unnötige psychische Belastung." Diese Missstände waren für die Nordheimerin mit ein Beweggrund, sich politisch zu engagieren. Ihr Bruder ist heute weitgehend selbstständig und benötigt nur noch wenig Hilfe im Alltag. Dafür steht die Studentin ihren Großeltern zur Seite, die sie zu Terminen begleitet, immer wieder für sie einkaufen geht und sich um ihren Papierkram kümmert.

Stark belastet

Jasmin Rentschler aus Jettenburg war zehn Jahre alt, als ihre Mutter infolge einer Gehirn-OP einen Schlaganfall erlitt und berufsunfähig wurde. Die heute 34-Jährige begleitete ihre Mutter damals als Schülerin fortan zu Arztbesuchen, Therapien und anderen Terminen, da sie sich mehr alleine orientieren konnte. Hinzu kam, dass sie ihre Mutter Depressionen entwickelte. Ihr Vater, der sich anfänglich noch um Organisatorisches gekümmert hatte, wurde kurz nach der Erkrankung der Mutter alkoholabhängig. Dass Jugendliche durch ihre Pflegeverantwortung zu stark belastet sind, wird häufig erst bekannt, wenn es zu weiteren Problemen kommt. Aber auch dann nicht immer. Als Jasmins Familie umzog und sie in der Schule zunehmend Schwierigkeiten hatte, kam das Jugendamt ins Boot. Doch leider verkannten sie die häusliche Situation.

Eltern ist es oft peinlich, wenn sie Unterstützung annehmen müssen, weil sie nicht mehr allein zurechtkommen. Diese Pflegesituation ist daher oft mit Tabus oder Scham besetzt  - häufig von beiden Seiten. Young Carers fehlt häufig das Selbstverständnis und sie denken, es sei ihre Pflicht sich zu kümmern. Jasmin erschien es als selbstverständlich, alle nötigen Aufgaben für ihre Mutter zu übernehmen. Selbst als sie mit 17 Jahren in ihre eigene Wohnung, die ambulant betreut wurde, zog und Mutter wurde, blieb sie weiter gefordert. 

Jasmin, die inzwischen Soziale Arbeit in Ludwigsburg studiert, hätte rückblickend von allen involvierten Ärzten und Kliniken sowie dem Sozialer Dienst, ihren Schulen den  Institutionen, wie dem Jugendamt, der Pflege- und Krankenkasse mehr Sichtbarkeit sowie mehr Beistand erwartet: „Nur durch meine Initiative und Hartnäckigkeit habe ich Hilfe und Unterstützung bekommen. Das wäre meiner Meinung nach auch viel, viel früher möglich gewesen und hätte mir viel Zeit, Energie und Sorgen erspart. Einfach nur das Aufzeigen von Möglichkeiten wäre schon sehr hilfreich gewesen.“ Ihre Geschichte beschreibt keinen Einzelfall. Pflege ist meist keine kurzfristige Sache, gerade bei jüngeren Pflegebedürftigen, zieht sie sich in der Regel über Jahre bis Jahrzehnte. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Institutionen und Anlaufstellen sensibler werden und auch Young Carers auf ihrem Radar haben. 

Hilfe und Beratung für Young Carers

Ein wichtiger Ansprechpartner vor Ort für alle pflegende Angehörigen sind die Pflegestützpunkte, die auch Hausbesuche anbieten und über eine längere Zeit unterstützend und beratend zur Seite stehen können.

Bei Menschen mit Behinderungen beraten lokale EUTB-Stellen, weitere Ansprechpartner sind Selbsthilfegruppen, sowie Vereine (z.B. wir pflegen e.V.) und Dachverbände (z.B. zu  chronischen Erkrankungen), die bei spezifischen Fragen weiterhelfen.  Je nach Art der Pflegesituation gibt es noch spezialisierte Anlaufstellen wie beispielsweise  das Kinderprojekt KIP des Weinsberger Hilfeverein für Kinder und Jugendlichen von psychisch kranken Eltern.

Für Young Carers gibt es inzwischen Online-Beratungsstellen und Hotlines wie die „Superhands“ der Johanniter.

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