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Der Paradiesvogel von Heilbronn

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Es klingt aberwitzig, aber es ist wahr: Bis 1991 führte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität als Krankheit. Erst 2017 wurde im Bundestag das Gesetz der „Ehe für Alle“ verabschiedet. Dabei ist gleichgeschlechtliche Liebe doch in Filmen und Serien, in den sozialen Medien oder im öffentlichen Raum des längeren ein Thema.

Wer dachte, dass schwule, lesbische und queere Menschen heute von der ganzen Gesellschaft akzeptiert sind, den muss Stefan Himmelreich enttäuschen: „Mir begegnen immer noch täglich Anfeindungen.“ Der 25-Jährige erzählt von Alltagsdiskriminierung, schrägen Blicken und blöden Sprüchen, aber auch von handfesten Attacken. Lange Zeit kämpfte er nicht nur mit Vorurteilen und Benachteiligungen vonseiten der Gesellschaft. „Nachdem ich mich mit 13 Jahren geoutet habe, verstieß mich meine Mutter.“ Jahrelang wurde er von Wohnheim zu Wohnheim weitergeschoben, bis er eines Tages auf der Straße landete.

Maskottchen 

Gebrochen haben Stefan diese Rückschläge nicht. Im Gegenteil: „Meine Freunde nennen mich den Paradiesvogel von Heilbronn.“ Regenbogenfarbener Wuschelkopf, pinke Halsbänder oder Plüschschals, bunte Disney-Shirts und jede Menge Glitzer – so kann man Stefan Himmelreich durch Heilbronn spazieren sehen. Die Botschaft: „Ich bin bunt, schwul und stolz darauf.“ Mit seinen unkonventionellen Outfits verarbeitet der 25-Jährige seine traumatische Vergangenheit, „ich möchte damit aber auch andere Menschen ermutigen, zu sich selbst zu stehen, ob homosexuell oder nicht.“ Seine modischen Ideen eines Tages auch für andere zu realisieren, das ist sein Traum. „Schritt für Schritt möchte ich darauf hinarbeiten, Modedesigner zu werden.“ Inspiration bezieht er von seinem Idol Guido Maria Kretschmer, der auch in vielen TV-Formaten von Vox und RTL zu sehen ist.

Offenes Ohr 

Derzeit stehe es um die Schwulenszene in Heilbronn nicht gut. Stefan beklagt, dass es kaum Einrichtungen für Homosexuelle gebe, mit dem Club Cousteau schloss die letzte Schwulenbar der Stadt. „Es gibt nicht einmal einen Christopher Street Day“, moniert er das Fehlen des traditionellen queeren Fest- und Demonstrationstages. Weil er einer der wenigen bunten Lichtblicke in Heilbronn ist, „könnte man mich als Farbklecks im schwarzen Loch Heilbronn bezeichnen, oder als inoffizielles Maskottchen der Schwulenszene“. Dabei „verstecken sich gar nicht wenige Schwule und Drag Queens in Heilbronn“, weiß Stefan. Wie schwer es für queere Jugendliche sein kann, weiß er aus erster Hand. Genau deshalb möchte er Menschen in derselben Situation ein offenes Ohr anbieten: „Ich kann Geheimnisse für mich behalten und bin immer bereit, Leuten beim Outing beizustehen.“

Professionelle und einfühlsame Unterstützung ist außerhalb der Käthchenstadt durchaus zu bekommen. Das Weissenburg-Zentrum für LSBTTIQ in Stuttgart „kann ich ausdrücklich empfehlen“. Künstlerischer Ausdruck helfe, sich der eigenen Gefühle und Sexualität bewusst zu machen. „Ich verarbeite vieles mit Malen und Zeichnen, nicht nur durch meinen Kleidungsstil“, erklärt Stefan, „außerdem kann man sich mit einem Tagebuch die Last von der Seele schreiben, das hilft.“ Auch in der Küche lässt er seinen Emotionen freien Lauf: „Wenn ich wütend bin, dann backe ich einen Kuchen.“ Impulskontrolle, die schmeckt.

Mit dem Gedanken, Heilbronn zu verlassen und woanders hinzuziehen, hat Stefan lange gespielt. Doch er findet, „ich gehöre hierher“. Seit vier Jahren engagiert sich der Teilzeit-Einzelhändler auch politisch. Bei der Jugendorganisation der SPD, den Jusos, sieht er die Plattform, um Heilbronn einen bunteren, respektvolleren Anstrich zu verpassen. „Wir kämpfen gegen Homophobie, Sexismus, Rassismus und gegen steigende Mietpreise.“ Nicht nur bei den Jusos, sondern auch in Heilbronn sei er daher „genau am richtigen Platz“.

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