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Junge Heilbronner rutschen verstärkt in die Sucht

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Bei jungen Menschen bis 19 Jahren hat der Konsum von Suchtmitteln von 2016 bis 2020 in Heilbronn am stärksten zugenommen. Mit Augenmerk auf die Corona-Pandemie ist das eine der zentralen Erkenntnisse des Suchtmittelberichts der Stadt.

Für Suchtkrankenhilfe und -beratung werden hier jährlich rund 860.000 Euro investiert, für die ambulante Suchthilfe und -prävention gibt es mehr als zwölf Vollzeitstellen.

Steven Häusinger (Bündnis 90/Die Grünen) betonte im Hinblick auf den Bericht, wie wichtig diese soziale Arbeit sei, bei der jeder von der öffentlichen Hand investierte Euro volkswirtschaftliche Kosten von 28 Euro vermeide. "Der Bericht ist eine gute Grundlage, Angebote in diesem Bereich weiterzuentwickeln", sagte Marion Rathgeber-Roth (Freie Wähler).

Eine Verschiebung der Altersgruppen hat stattgefunden

Dass insgesamt eine Verschiebung der Altersgruppen stattgefunden habe und der Griff zu Suchtmitteln immer früher beginne, ist im Suchtbericht dargelegt. Nicht nur Alkohol, Nikotin oder Cannabis werde konsumiert, sondern auch Kokain, Ecstasy und anderes. Im Lockdown hätten Jugendliche und junge Erwachsene besonders darunter gelitten, dass soziale Kontakte ebenso wegfielen wie der Schul- und Universitätsalltag. Mit der Verlagerung ins Private stieg der Konsum, weshalb auch psychische Probleme zunahmen.

Schulsozialarbeit wird gestärkt

Wie es denn, gerade bei jungen Menschen, mit Präventionsmaßnahmen aussehe?, wollte Steven Häusinger wissen. Sozialamtsleiter Achim Bocher wies darauf hin, dass die Stadt momentan dabei sei, die Schulsozialarbeit zu stärken.

Ab Januar soll es an weiterführenden Schulen etwa ein vereinfachtes Coaching geben, um Probleme früher zu erkennen. In vielen Fällen hatte der Lockdown auch bei Erwachsenen den vermeintlich gefestigten Alltag ins Wanken gebracht und Menschen wieder anfällig für alte Suchtmuster gemacht.

Schwierigkeiten gab es beim Reha-Bereich

Zudem war der Reha-Bereich problematisch. Entgiftungen, die für eine Aufnahme in die Reha Voraussetzung sind, wurden verschoben, dadurch verzögerten sich Therapien, Angebote vor Ort sowie Selbsthilfegruppen fielen weg. Rückfälle waren die Folge.

Hartz-IV-Empfänger machen bei den Suchtabhängigen den größten Anteil aus, denn viele Menschen verlieren durch die Erkrankung ihren sozialversicherungspflichtigen Job. Die häufigste Diagnose in den Beratungsstellen ist der Missbrauch von Opiaten wie Morphin und Codein, gefolgt von Alkohol und Cannabis, gerade bei Heranwachsenden.

Suchtberatung und substituierende Ärzte kooperieren

Intensiv arbeiten Suchtberatung und substituierende Ärzte zusammen. "Wir sind sehr froh, dass wir in Heilbronn die große Substitutionspraxis von Dr. Schaffert und Eiko Schnaitmann in der Salzstraße haben", sagte Sozialbürgermeisterin Agnes Christner.

Eine gute Versorgung in diesem Bereich sei alles andere als selbstverständlich. "Wir haben auch schon versucht, Mediziner für eine solche Praxis im Landkreis zu motivieren, den neuen Landrat Norbert Heuser habe ich bereits auf das Thema angesprochen." Dass der Einzugsbereich der Substitutionspraxis über Stadt- und Landkreis Heilbronn hinausgehe, erfuhr Rainer Hinderer (SPD) auf Nachfrage.

Substitution hat in Heilbronn lange Tradition

Hartmut Seitz-Bay vom Diakonischen Werk freute sich über die positive Entwicklung. "Ich erinnere mich, dass das Thema in diesem Gremium früher kontrovers diskutiert wurde und Sie viel Gegenwind bekommen haben", sagte er zu Helena Resch, Fachvorstand Suchthilfe, die den Bericht "30 Jahre Substitution in Heilbronn" vorstellte.

Die Substitution, der Ersatz der Droge durch andere Stoffe unter medizinischer Aufsicht, hat in Heilbronn seit den 1980er Jahren eine lange Tradition. Christian Ritsert verschrieb als Substitutionsarzt süchtigen Patienten Codein, damals ein juristischer Graubereich. Er baute eine der deutschlandweit größten Praxen in diesem Bereich auf. Dr. Andreas Schaffert und Eiko Schnaitmann betreiben nun die Praxis in der Salzstraße mit 400 Behandlungsplätzen und in enger Kooperation mit der Suchtberatung. Substitution betrifft Menschen aus allen Schichten, heißt es im Bericht, der im Sozialausschuss vorgestellt wurde, ein Drittel ist berufstätig.  

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