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Schuftende Schüler am Scheuerberg

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Schock am Scheuerberg: Abiturienten des Neckarsulmer Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG) demontieren eine Trollinger-Anlage, direkt unterm Gipfelkreuz, also auf einer der prominentesten Weinlagen der Region. Reyhan Celik zieht die Ruten raus, Annika Haußmann ist mit einer Mistgabel zugange, Gizem Aday sichert Klammern und Alicia Weeber rollt mit Sofia Stathopoulou Drähte zusammen. Bevor Spaziergänger auf die Idee kommen, die Polizei anzurufen, werden sie von Wengerter Hermann Berthold und Lehrerin Franziska Haigis aufgeklärt, auch Schülerin Zoe Baier, die schon öfter hier geschafft hat, weiß, worum es geht. Bei der zehn Ar großen Trollinger-Anlage handelt es sich um den von der Stadt gepachteten ASG-Schulwengert, den Schüler ab Klasse 7 mit ihrer eigens gegründeten Weingärtnergenossenschaft und freundlicher Unterstützung des Weinguts Berthold bewirtschaften.

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Die Trollinger-Reben reißen sie nicht etwa aus Übermut heraus oder weil ihnen die sogenannte „Milch der Schwaben“ nicht schmeckt. „Nein, die Rebstöcke sind ganz
einfach in die Jahre gekommen“, erklärt Berthold, „es gibt immer mehr Ausfälle. Aber die Hälfte lassen wir stehen, sonst gibt es ja nächstes Jahr keinen Wein." Anstelle der Traditionssorte wolle man nach einer anderthalbjährigen Ruhephase sogenannte Piwis pflanzen, also eine pilzwiderstandsfähige Sorte, „welche wissen wir noch nicht“, erklärt Direktor Marco Haaf, „obwohl wir schon feste probiert haben, aber keine hat so richtig gepasst“. Neben dem Geschmack sei eines der Hauptkriterien die möglichst späte Reife. „Schließlich können wir nicht in den Sommerferien lesen.“

Schiller

„Spätreif? Das ist gar nicht so einfach“, weiß Berthold, der lange Jahre bei der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau (LVWO) Weinsberg angestellt war, weil die meisten Piwis ursprünglich auf frühe Reife gezüchtet worden seien. „Und bevor neue zugelassen werden, vergehen locker 30 Jahre.“ Außerdem seien aus Züchtungen, vornehmlich aus Weinsberg, Freiburg oder Geilweilerhof (Pfalz), eher weiße Sorten hervorgegangen. Doch das ASG bevorzugt Rote. „Wir werden daraus eine Cuvée machen“, erklärt Haaf, wobei er grundsätzlich auch aufgeschlossen für einen Schillerwein sei, eine vernachlässigte Württemberger Spezialität, bei der weiße und rote Sorten zusammen angebaut und ausgebaut werden.
Der Schiller würde auch gut zur Grundphilosophie des Projektes passen, nämlich Schülern das Thema Nachhaltigkeit nicht nur in der Theorie, sondern praxisnah näher zu bringen. „Und dies nicht abstrakt irgendwo in der Dritten Welt,“ so Haaf, „sondern hier am Ort, in Neckarsulm, wo der Weinbau tief in der Stadtgeschichte verwurzelt und bis heute identitätsstiftend ist“.

Lehrreich

Darüber hinaus lasse sich an der Arbeit das Thema Kulturlandschaft festmachen, so Franziska Haigis, die Biologie, Sport sowie Naturwissenschaft und Technik (NWT) unterrichtet. Nicht zuletzt lernten die Schüler, wie viel Arbeit in der Herstellung, Verarbeitung und Vermarktung von Trauben, Saft und Wein steckt. Im Idealfall erwachse daraus „mehr Wertschätzung für Regionales, für landwirtschaftliche Produkte, die die meisten Schüler gewohnt sind, billig im Supermarkt zu kaufen“.
Bliebe die Frage: Warum kein Trollinger mehr? Auch dies ist der Idee der Nachhaltigkeit geschuldet. Piwis müssen viel weniger gespritzt werden, was nicht nur die Umwelt schone, sondern auch den Geldbeutel und den Winzer selbst. Berthold: „In Steillagen Schlepper zu fahren, vor allem in nassen Jahren wie diesem, das ist lebensgefährlich.“
 

Ökologisch und ökonomisch 

Wetterextreme machen Reben anfälliger für Krankheiten und Schädlinge, der Aufwand für Pflanzenschutz steigt, und damit klettern auch die Kosten und der Stress. Gleichzeitig muss das Spritzen reduziert werden. Bei Herbiziden und Insektiziden dürften strengere Richtlinien wenig Probleme bereiten, hier arbeiten viele Winzer schon nah an der Natur. Allein gegen die Schadpilze Oidium und Peronospora ist noch kein Kraut gewachsen. Ein Ausweg könnten widerstandsfähige Rebsorten , kurz Piwis, sein. Bisher sind aber nur fünf Prozent – in Württemberg nur zwei Prozent – der 100.000 Hektar großen Rebfläche in Deutschland damit bestockt. Dabei haben Versuchsanstalten wie Weinsberg, Freiburg oder Geilweilerhof seit den 1990er Jahren über aufwendige Züchtungsverfahren 50 solcher Sorten zur Zulassung gebracht: von Regent über Muskaris und Solaris bis zum Sauvignac. Immerhin: Die Nachfrage steigt, unter den Top Ten der Neupflanzungen in Deutschland sind inzwischen 80 Prozent Piwis, wobei sie die Traditionssorten nie ganz verdrängen dürften. Letztlich entscheidet der Verbraucher, was er will. Doch die ökologischen, ökonomischen und sozialen Vorteile von Piwis liegen auf der Hand. Sie sparen Zeit, Geld und schonen die Umwelt
 

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