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Welche Grenzen hat Toleranz?

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Rebecca, Jannik und Mae sind jung und politisch engagiert. Gemeinsam diskutieren sie über die Zeichen von Solidarität, über Diskriminierung – und ob wir Intoleranz tolerieren müssen.

Was meint ihr: Hat Toleranz Grenzen? Und müssen  wir Intoleranz tolerieren?

Mae:  Meine Grenze ist dann erreicht, wenn das, was ich tolerieren soll, andere Menschen verletzt. In letzter Zeit ist es immer mehr gang und gäbe, dass sich einige politische Parteien und selbsternannte Volksbewegungen öffentlich gegenüber Menschen, die nicht ihrer Norm entsprechen, negativ äußern. 

Rebecca:  Bei mir liegt die Grenze der Toleranz da, wo meine Freiheit verletzt wird und ich beleidigt wer-
de. Wenn ich merke, jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl, obwohl ich es sollte, dann muss ich aktiv werden und etwas tun. 

Jannik:  Also ich bin geteilter Meinung. Ich sage immer, wenn man positive Sachen annimmt, muss man auch negative Sachen annehmen können. Aber natürlich gibt es bei allen irgendwann mal ein Stopp. Toleranz hat auf jeden Fall Grenzen beim Thema Rechtsextremismus. Alle Menschen sind gleich, egal woher sie kommen.

Wurdet ihr im Alltag schon einmal wegen eures Aussehens, eures Geschlechts oder eurer Sexualität diskriminiert oder beleidigt?

Rebecca:  Ich erlebe Sexismus fast jeden Tag: Ich werde nicht nur von Erwachsenen, sondern auch von jungen Männern gecatcalled, also verbal im öffentlichen Raum sexuell belästigt. Das macht mich traurig. Und wie die meisten Mädchen fühle auch ich mich gefährdet, wenn ich nach Hause gehe und es draußen schon dunkel ist. Die junge Generation sollte am besten wissen, dass wir eine Veränderung brauchen. Noch schlimmer ist es, wenn Mädchen in den sozialen Netzwerken sexualisiert werden. Die unangebrachten Kommentare kommen meistens von 20- bis 30-Jährigen, die sich so viel trauen, weil sie anonym unterwegs sind.

Mae:  Ich wurde schon von Fremden auf der Straße wegen meines asiatischen Aussehens angesprochen, auf der Straße wurde mir „Nihao“ entgegengerufen. Es kommt häufig vor, dass Menschen Vorurteile gegenüber Asiaten und Asiatinnen äußern. Die meisten meinen das als Witz, aber wegen solcher Kommentare werden viele Aussagen nicht mehr ernstgenommen. In der Schule trauen sich Schüler manchmal nicht, sich gegen solche diskriminierenden Kommentare zu stellen und es den Lehrern zu sagen.

Jannik:  Wegen meiner Herkunft wurde ich noch nicht diskriminiert. Ich sehe aus wie ein Deutscher. Ich bin hier geboren, bin hier aufgewachsen. Als queerer Mensch erlebe ich aber, was jeder mitbekommt, der nicht der heterosexuellen Norm entspricht. Mir werden Sprüche hinterhergerufen wie „Du willst doch ein Mädchen sein!“ oder „Wenn du ein Mann bist, dann sei ein Mann.“

Ihr engagiert euch im Jugendgemeinderat oder im Netzwerk „Schule ohne Rassismus“. Welche Möglichkeiten habt ihr, euch für mehr Toleranz und gegen Diskriminierung einzusetzen? 
Jannik:  Im Jugendgemeinderat haben wir ein Christopher-Street-Day-Festival vorgeschlagen. Dabei sollte über verschiedene Sexualitäten und Geschlechtsidentitäten aufgeklärt werden. Queere Menschen könnten dann ihre Geschichte erzählen, als Drag-Queens oder Drag-Kings auftreten. Leider gab es dafür keinen Konsens. Oberbürgermeister Harry Mergel haben wir vorgeschlagen, am Internationalen Tag gegen Homophobie im Mai die Heilbronner Flagge mit der Regenbogenfahne vor dem Rathaus zu hissen. Aus Solidarität, damit man nicht allein ist. Das war aber zu kurzfristig. Die Stadt hat nun eine Fahne bestellt, fürs nächste Jahr.

Rebecca:  Wir geben unser Bestes, um Veranstaltungen zu planen, da wir als Mitglieder des Jugendgemeinderates eine größere Stimme haben als der durchschnittliche Heilbronner Schüler. Außerdem freuen wir uns über Vorschläge, 
die von außen kommen. Sie sind ein Zeichen der Unterstützung und treiben uns an. Selbstverständlich können wir nicht jede Idee umsetzen, da es besonders während der Corona-Pandemie schwierig ist, soziale Projekte zu planen. Am Ende entscheidet der Gemeinderat, ob unsere Vorschläge umgesetzt werden.

Mae, du engagierst dich im Netzwerk „Schule ohne Rassismus“. Wofür setzt ihr euch ein?
Mae:  Während der Pandemie haben wir sehr viel für die Zukunft geplant und wollen einen Courage-Tag einführen, bei dem sich auch die Jüngeren, die Sechst- und Siebtklässler, über verschiedene Kulturen und Lebensweisen informieren können. Beim Tag der offenen Tür konnten sich Schüler spielerisch über Arten der Diskriminierung informieren. Damit sie Bescheid wissen und mehr über das nachdenken, was sie sagen und tun. 

Was kann die Gesellschaft tun, um gegen Diskriminierung vorzugehen und Betroffene zu stärken?
Mae:  In der Schule kommt es oft vor, dass rassistische Kommentare einfach ignoriert werden. Ich finde, es ist ein großer Schritt, wenn Menschen, die so etwas hören, sich gegen diese Person stellen und ihr sagen, dass das nicht in Ordnung ist. So könnte eine Solidarität in der Klasse entstehen und Rassismus abnehmen.

Rebecca:  Ich stimme dir zu. Nicht wegschauen, sondern solidarisch sein. Und wenn man etwas mitbekommt oder zum Beispiel eine Freundin dir erzählt, dass sie sich in bestimmten Situationen unwohl fühlt, dann könntest du ihr beistehen oder sie nach Hause begleiten. Eltern sollten ihren Kindern beibringen, dass bestimmte Dinge inakzeptabel sind. Im Internet müsste es eine bessere Strafverfolgung geben.

Jannik:  Egal, ob bei Rassismus, Sexismus oder Homophobie: einfach Zivilcourage zeigen und klar machen, dass es nicht nur einen selbst juckt, sondern andere auch. Es hilft auch, den Täter anzuschauen, ihn anzusprechen: „Es reicht, geh mal weiter." Wichtig ist, die Situation im Blick zu behalten. Aus einer Beleidigung wie „Schwuchtel“ kann schnell ein körperlicher Angriff werden.

Habt ihr ein abschließendes Fazit, ein Schlusswort?
Rebecca:  Ich bin schockiert, wie wenig die Jugend über Sexismus und Feminismus weiß. In der neunten Klasse habe ich eine Präsentation über Sexismus gehalten. Als ich die Jungs in meiner Klasse fragte, was Feminismus sei, sagten sie: „Feminismus ist eine männerfeindliche Bewegung.“ Sowas sollte man nicht von Jugendlichen im 21. Jahrhundert hören. Wir sollten ihnen helfen, damit sie auf den richtigen Weg kommen.

Mae:  Auch im 21. Jahrhundert können wir nicht sagen, dass wir alle gleichberechtigt sind. Wir müssen vor allem Solidarität zeigen und gemeinsam für Gleichberechtigung kämpfen. Gremien in Schulen oder auch der junge Gemeinderat können etwas bewirken. Ich hoffe, dass das dann für unsere Generation bedeutet, dass wir toleranter werden als die Generationen vor uns.

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