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Ein Stadtbummel als Hindernislauf

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Wenn Rukiye Durmus durch Heilbronn geht, dann ist sie fast immer eingehakt bei ihrer Begleitung. Was wie eine Freundschaftsgeste aussieht, dient aber viel mehr ihrer Sicherheit. Denn die 22-Jährige ist keineswegs schüchtern, sondern es ist ihr einfach zu gefährlich, sich alleine durch die Stadt zu bewegen. Rukiye hat das Bardet-Biedl-Syndrom, mit dem eine Sehbehinderung einhergeht: Ihre Netzhaut ist verkrümmt, ihr Sichtfeld stark eingeschränkt. Hinzu kommt eine Nachtblindheit – bei Dunkelheit kann sie nahezu nichts erkennen. Deshalb werden für Rukiye alltägliche Dinge wie Bordsteine zu gefährlichen Hindernissen. 

Stolperfallen

Die Böckingerin trägt das Blindenzeichen und hat immer ihren weißen Langstock dabei, der umgangssprachlich als Blindenstock bekannt ist. Rukyie gelingt es, bestimmte Strecken eigenständig zu bewältigen. Jeder Mensch mit Behinderung hat laut Grundgesetz ein Recht darauf, nicht benachteiligt zu werden. Die Barrierefreiheit ist nicht nur für Menschen mit Gehbehinderung eine wichtige Voraussetzung zur Teilhabe. Doch die Praxis sieht in vielen Städten noch ganz anders aus.

Auch in Heilbronn gibt es viele schwer erkennbare Hindernisse. Potenzielle Stolperfallen sind beispielsweise viele Straßenübergänge, bei denen auch nur einige Ampeln mit dem Signalknopf für Blinde versehen sind. Der Schalter vibriert, wenn ein Knopf aktiviert wird, dazu ertönt ein Signalton. Allerdings ist die Grünphase der Ampeln oft so kurz, dass es kaum zum Überqueren der Staße reicht. 

Ein Risiko sind auch Leih-E-Roller. Sie sind kaum zu hören oder werden mitten im Weg abgestellt. Negativbeispiele sind auch der Rathausplatz mit seinen Schwellen, die Stadtbahnen, der Busverkehr oder unachtsame Passanten.  

Laut dem Behindertengleichstellungsgesetz besteht bisher nur in öffentlichen Gebäuden eine Pflicht zur Barrierefreiheit, die bei älteren Bauten allerdings oft noch nicht realisiert ist. In vielen Kneipen und Restaurants der Privatwirtschaft jedoch werden Menschen mit Behinderung oft nicht mitgedacht. Dabei könnte vieles günstig oder im Zuge allgemeiner Sanierungen mit angepackt werden. Das berichtet auch Rukiyes Mutter Gülseren Durmus: „Wir gehen gerne ins Kino oder Theater, doch dort ist es oft ziemlich düster. Es würde viel helfen, wenn die Lichtschalter deutlich markiert wären.“ 

 
 
 
 
 
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Für Menschen mit Sehbehinderung sind generell alle Dinge ungünstig, die nicht deutlich hervorgehoben sind. Leuchtende, farbige Klebstreifen, um Säulen oder andere Hindernisse zu markieren, wären leicht umzusetzen.  Rukiye hat sich ein paar Tricks einfallen lassen, um ihre Begleitung auch im Getümmel zu finden. Da ihr Gehör sehr gut ist, hat sie mit ihrer Mutter eine Art Code entwickelt: Ihre Mutter räuspert sich auf eine bestimmte Weise oder macht leise Geräusche, die sie vereinbart haben. So finden sich die beiden schnell wieder.

Hürden

Zur Arbeit in der Lebenswerkstatt in Heilbronn wird Rukiye von einem Fahrdienst abgeholt, oder sie fährt alleine Bus. Manchmal, wenn sie unterwegs ist, wird sie gefragt, ob sie Hilfe braucht: „Ich sage dann immer freundlich: Nein danke, ich komme allein zurecht“, erzählt sie. Nur weil ihr Sehvermögen nicht gut ist, ist die lebensfrohe 22-Jährige nicht automatisch hilfsbedürftig. Wenn sie sich etwas alleine zutraut, schafft sie es auch. 
Rukiye möchte langfristig selbstständig leben und eine reguläre Anstellung finden. Dazu wäre wichtig, dass mehr Hürden verschwinden – auch in Heilbronn.  

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